Wie orientiert der sich?

In der letzten Zeit passiert es öfter, dass Menschen Charlies Erblindung in Frage stellen oder hinterfragen. Klar, ich staune manchmal selbst, wie agil und lebenslustig er ist, aber nur, weil man ihm die PRA nicht direkt ansieht, muss man die Erkrankung doch nicht gleich in Frage stellen. Nicht falsch verstehen, ich gehe nicht hausieren und posaune es überall heraus. Aber es gibt in unserem Umfeld Menschen, die von der Erkrankung wissen, die Charlie ab und an sehen und es irgendwie nicht glauben wollen. Die Fragen stellen: “Wie orientiert er sich denn, wenn er nichts sieht? Dann kann er den Ball doch eigentlich nicht finden?” und ähnlich. Und damit sind wir nicht alleine, wie ich kürzlich heraus fand…

Bei Facebook folge ich seit einiger Zeit einer Seite namens Mausi – die blinde Lebensfreude, wer nicht bei Facebook ist, finde die Homepage von Mausi hier.  Mausi ist eine liebenswerte Hündin, der operativ beide Augen entfernt werden mussten. Ihr sieht man also an, dass sie blind ist. Und auch bei ihr laufen Fragen auf wie “Wie orientierst du dich im Wasser?”. Mausi und ihre Zweibeiner beantworteten diese Frage mit einem Video, in dem man deutlich erkennen kann, dass sie sich nach Gehör orientiert und zusätzlich auf die Bewegungen der Wasseroberfläche zu achten scheint, sie hört, spürt und riecht.  Und ebenso orientiert sich Charlie auf seine Art und Weise. Es ist fraglich, ob er bei optimalen Lichtverhältnissen noch Schemen oder Schatten erkennen kann. Es ist nicht fraglich, dass er bei Zwielicht, Dämmerung und Dunkelheit blind ist. Erst gestern ist er im Dunkeln gegen das Auto meiner Schwägerin gelaufen, er hatte nicht damit gerechnet, dass es im Weg stehen würde und war zu hektisch unterwegs, um sich richtig zu orientieren. Und solche Zusammenstöße passieren ihm öfter, auch wenn “Zeugen” dabei sind.

Ein schleichender Prozess

Wir haben den großen Vorteil, dass seine Erblindung schleichend geschieht und wir sie frühzeitig erkannt haben. Mit der Diagnose in der Hand leben wir nun schon seit Dezember 2015 und hatten viele Gelegenheiten, unseren Umgang damit zu trainieren. Auch schone ich Charlie nicht, ich versuche weitestgehend, ihn wie einen gesunden Hund zu behandeln. Ich nehme ihn überall hin mit, gehe neue Spazierwege mit ihm, erkunde Städte mit ihm und mute ihm sogar zu, in fremden Wohnungen und Hotels zu übernachten. Dadurch lernt er, dass er aufmerksam sein muss, seine Umgebung mit den verbleibenden Sinnen erfassen muss. Und meistens ist er darin gut!

Ich leine Charlie auch auf unbekannten Wegen ab. Sind wir nur mit Lis unterwegs, bewegt er sich dann eher langsam und bedächtig, achtet auf Hindernisse und kommt wunderbar zurecht. Treffen wir andere Hunde, nutzt Charlie sie als “Blindenführer”. Er heftet sich an sie und folgt ihnen einfach auf Schritt und Tritt. So kann er ausgelassen rennen, toben und spielen. Natürlich rempelt er dabei im Eifer des Gefechts auch mal einen Baum oder mich an, aber das stört ihn überhaupt nicht.

Ähnlich wie Mausi liebt Charlie das Wasser. Von Anfang an. Jede Pfütze, jeder See ist für ihn eine Freude. Anfangs hat er sich nicht getraut, alleine zu schwimmen. Sobald er den Boden unter den Füßen verlor, drehte er ab. So plantschte er immer nur so weit, wie er noch im Wasser stehen konnte. War ich mit ihm Wasser, schwamm er neben mir. Heute traut er sich immer öfter auch alleine zu schwimmen und ich bin mächtig stolz auf ihn! Und genau wie Mausi apportiert Charlie liebend gerne Dinge. Spielzeug, Bälle, auch mal ein Stöckchen (Ja, ich weiß, das ist gefährlich.). Das funktioniert besonders dann gut, wenn er den Aufprall hören kann. Dann steuert er zielstrebig das Spielzeug an und apportiert wie ein sehender Hund.

Kein Mitleid

Entscheidend ist, so denke ich, dass ich kein Mitleid mit ihm habe. Ich nenne ihn scherzhaft “Blindfisch” und das geschieht stellvertretend für meine humorvolle Einstellung zu seiner Erblindung. Hatte ich anfangs Mitleid, so war Charlie mein bester Lehrer, dass genau so etwas nicht angemessen ist. Als er das erste Mal vor eine Parkbank rannte, zerfloss mein Herz vor Mitleid und Schuldgefühlen, ich wollte ihn nur in den Arm nehmen und trösten. Aber Pustekuchen! Der Herr schüttelte sich, ging ein Stück zurück und dann wieder nach vorne. Als wolle er nicht glaube, dass sich ihm etwas in den Weg stellt. Prallte wieder vor die Bank, schüttelte sich erneut, drehte sich ab und  ging einen Bogen. Erhobenen Hauptes und mit wedelndem Schwanz. Als wäre nichts gewesen. Und so reagiert er immer. Leicht entrüstet, dass ihn etwas blockiert, kurz den Schmerz wegschütteln und dann gut gelaunt einen anderen Weg suchen. Daran habe ich mir ein Beispiel genommen. Und wenn er sich mal verheddert oder den Weg zu mir nicht mehr findet, lotse ich ihn schnalzend wieder auf den rechten Weg.  Sobald er diesen gefunden hat, freut er sich wie ein Schneekönig und rast strahlend auf mich zu. Meist lache ich sogar kurz auf, wenn er im Eifer des Gefechts mal wieder einen “Auffahrunfall” hat. Das hat dann nichts mit Auslachen zu tun, sondern ich lache mit ihm. Denn bis heute gab es noch keinen Zusammenprall, der ihm die gute Laune hätte nehmen können.

Und wie orientiert er sich nun?

Ehrlich? Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen. Klar, er hört, riecht, spürt, tastet. Aber wie genau er oder andere blinde Lebewesen das machen, liegt außerhalb meiner Vorstellungskraft. Und ich muss es für mich auch überhaupt nicht wissen. Alles, was ich wissen muss: Dass er zurecht kommt und es ihm gut geht!

Wir freuen uns über sicheres Teilen mit shariff:
0

5 Kommentare

  1. Ich hab da ja so meine Theorie… Dieser Hund wirkt mit seinen niedlichen großen Ohren wie eine Fledermaus, das hab ich ja schon oft gesagt. Und Fledermäuse verwenden Ultraschall. So einfach is das 😀

    Auch wenn die Ungläubigkeit von Mitmenschen in gewissen Maßen eine Übergriffigkeit darstellt, ist es doch eigentlich ein Zeichen für etwas sehr Gutes. Stell dir vor, Charlie würde alle 2sec gegen Wände, Türen und sonstige Objekte laufen, Treppen runterfallen, könnte nicht spielen oder apportieren. Das fände ich schlimm. Dann lieber ein paar Ungläubigen die Mittelpfote zeigen 😉

  2. Das ist wirklich toll, wie Charlie mit seiner Erblindung zurecht kommt. Und dass du es schaffst, ihn nicht zu bemitleiden und die Sache mit Humor zu nehmen, bewundere ich. 🙂
    Ich habe Kalle vorgelesen, wie Charlie reagiert, wenn er gegen etwas stößt. Hoffentlich nimmt er sich mal ein Beispiel. Wenn ihm so etwas passiert, weil er mal wieder mit seiner Aufmerksamkeit überall ist, nur nicht vor seiner Nase, verliert er jedes Mal die Nerven und knurrt das jeweilige Objekt an. Als ob es das extra gemacht hätte. Ständig muss ich wieder Frieden zwischen ihm und dem Sofatisch (der ungünstigerweise die Höhe des Hundekopfs hat) stiften… 😉

    • Frieden zwischen Kalle und dem Sofatisch! ? Welch lustiges Bild! Danke dafür. Ich werde Dich kontaktieren, wenn Friede zwischen mir und dem Couchtisch gestiftet werden muss, ich hasse diesen auch dafür, wenn er sich meinem Schienbein in den Weg wirft. ?
      Und den Humor, die Gelassenheit und Geduld habe ich wirklich von Charlie gelernt. Er hat mich geerdet. Ich suche morgen mal den Artikel dazu raus, er ist nämlich der Hund, den ich nie wollte, aber offensichtlich brauchte. Ich gebe also Deine Bewunderung an Charlie weiter! ?

    • Und hier der Beitrag, den ich meine: https://dreipunktecharlie.wordpress.com/2016/08/23/charlie-ist-nichts-von-dem-das-ich-wollte/
      Ich habe ihn gerade nochmal gelesen und bin Charlie dankbar, dass er mich so verändert hat. 🙂

      • Manchmal glaube ich wirklich fast, dass das Schicksal-oder-wer-oder-was-auch-immer uns die Hunde schickt, die wir brauchen. Kalle ist das auch für mich. 🙂

        Und ja, wenn du mal einen Konflikt mit einem Möbelstück hast, kannst du dich gerne vertrauensvoll an mich wenden. Ich verfüge über hervorragende Qualifikationen im Bereich der Lebewesenmöbelkommunikation. 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 dreipunktecharlie

Theme von Anders NorénHoch ↑

error: Sorry, kopieren ist nicht erlaubt. ;-)