Zwei Sonderfelle

12 Jahre mit Lis, fast 3 Jahre mit Charlie. Manchmal kann ich es nicht glauben, wie schnell die Zeit vergeht! Lis kam im September 2005 zu mir, Charlie im November 2014. Der Jahrestag von Lis brachte mich diese Woche dazu, unsere gemeinsame Zeit Revue passieren zu lassen. E-LI-SA-BETH, Ratte, Mucki, Achmed (the dead terrorist), ma petite. „Die Queen“ oder auch „Queen Mum“, taube Nuss – Lis hat im Laufe der Jahre für nahezu jede Verhaltensweise einen Spitznamen bekommen. Und Charlie ist auf dem besten Wege, ihr in diesem Fall in nichts nachzustehen.

Die Zeit mit Lis war nicht immer einfach, am Anfang sogar total frustrierend und anstrengend. Ein Hund aus dem Auslandstierschutz, aus der Tötungsstation. Mit allen Belastungen, die man sich denken kann. Traumatisiert, verstört, unsicher, Abwehr-aggressiv, territorial, ausgestattet mit einem starken Konkurrenzverhalten („Fressneid“) anderen Hunden gegenüber und einer unbeschreiblichen Angst vor Menschen, insbesondere Männern. Über die Jahre hinweg haben sich einige Dinge verändert, in anderen Belangen ist Lis speziell geblieben. Wir sind ein Team geworden, haben so manche Prügelei mit anderen Hunden gemeinsam ausgefochten, tolle Reisen gemacht, schlechte und gute Zeiten miteinander durchgestanden. Lis ist dem Tod mindestens zweimal von der Schippe gesprungen (Tötungsstation und später eine Vergiftung) und unfassbar zäh. Zwei Kreuzbandrisse samt OP und geschienten Beinen hat sie überstanden, wenn sie mal krank war, dann immer „richtig“. Aktuell schlägt sie sich mit einer noch unklaren Erkrankung herum, die Diagnosen schwanken zwischen Vestibularsyndrom, Schlaganfall und starker Infektion. Und ich schwelge in alten Fotos, realisiere, wie grau ihre Schnauze geworden ist und werde sentimental.

 

Zwei „kranke“ Hunde – das war nicht geplant

Dass Lis alt werden und nicht ewig leben würde, das war klar. Aber ich hatte immer die romantische Vorstellung, dass sie an einem Herzinfarkt oder ähnlichem verstirbt und mitten aus dem Leben gerissen wird. Vor Aufregung beim Fressen eines Rinderherzes, vor Stress mitten in einem Nachbarschaftsstreit oder im Schlaf während eines wilden Traums. Dass sie auf diese Weise alt wird, dass sie ein richtiger Rentner mit Wehwehchen und Problemen wird, das war nicht meine Vorstellung. Aber gut, das stehen wir auch gemeinsam durch. Wir haben 12 Jahre miteinander geschafft, dann schaffen wir das auch noch!

Es fühlt sich nur manchmal sonderbar an, wenn andere Menschen mich Dritten vorstellen und dabei über meine Hunde sprechen. „Lis ist alterstaub und auch nicht mehr ganz fit, Charlie ist erblindet.“ Eigentlich nur eine Feststellung, die den Tatsachen entspricht. Und trotzdem bin ich jedes mal wieder überrascht. Denn es ist mir in seiner ausgesprochenen Gesamtheit so nicht bewusst. Ich habe zwei Hunde mit Handicap. Klar, ich hätte auch lieber gesunde, unbeeinträchtigte Hunde. Aber die habe ich nun nicht. Und geplant war es auch nicht. Ich dachte, Lis geht mit einem lauten Knall und dass Charlie erblindet war auch nicht absehbar. Und trotzdem liebe ich beide. Mit all ihren Eigenheiten und Ticks.

Aus eins mach zwei und dann ein Team

Ich erinnere genau den Tag, als Charlie bei Lis und mir einzog. Verunsichert, aber sehr erleichtert, dass ein anderer Hund im Haus war. Er hat Lis umgehend angehimmelt und wollte unbedingt ihre Aufmerksamkeit und Zuwendung. Aber nicht mit Madame! Lis fand ihn gerade so erträglich und hat ihn nur mir zu liebe geduldet, das sagten zumindest ihre vorwurfsvollen Blicke in meine Richtung. Und trotzdem hat Charlie ihr Herz langsam erobert. Sie erweicht und sie mit seinem Charme um den Finger gewickelt.

Dass die Beiden endgültig ein Team geworden sind wurde mir klar, als Lis Charlie mit allen Mitteln verteidigte, als er von einem anderen Rüden angegriffen wurde. Sie hat sich vor ihn geworfen und den Rüpel verjagt. Die Heldin. Sie zeigt ihre Liebe halt gerne mit den Zähnen.

Der allererste gemeinsame Spaziergang. Und direkt müssen sie dumme Kommandos ausführen. 😉

Wann ist ein Handicap ein Handicap? 

Charlie erblindet, Lis wird Pflege-intensiv. Charlie braucht auf fremdem Territorium schon mal besondere Aufmerksamkeit, ich muss mehr auf ihn und potentielle Hindernisse achten. In neuen Räumlichkeiten muss ich ihn herum führen und an die Raumaufteilung gewöhnen. Und ich muss damit leben, dass wir nicht perfekt sind und er ab und an ungewollte Zusammenstöße hat, wenn wir unachtsam sind. Ist halt so. Bei genauer Betrachtung ist sein Handicap also keine große Sache. Er macht das ganz toll und lebt ein unfassbar gut gelauntes Leben. Ich muss mich wirklich mehr bemühen, seine Sorglosigkeit und seinen Frohsinn anzunehmen. Er hat mir schon viel beigebracht, aber da ist noch Luft nach oben.

Und Lis entwickelt nun Handicaps, an die ich mich aber irgendwie schon gewöhnt habe. Sie übergibt sich häufiger, wahrscheinlich durch die Medikamente. Die sind aber abgesetzt und ich sehe schon eine Besserung. Sie wird nachts wach, weckt Charlie und mich, irrt orientierungslos herum und legt sich dann wieder schlafen. Schnarcht einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Das können Charlie und ich mittlerweile auch. Ihr ist seit Beginn der Erkrankung oft schwindelig und sie fällt um. Also habe ich ein Geschirr gekauft, mit dem ich sie wie eine Marionette führe und bei Bedarf einfach nach oben stabilisiere. Problem gelöst, zumindest die Auswirkungen. Sie steigt keine Treppen mehr. Also trage ich sie. Unter dem rechten Arm. Der Vorteil des kleinen Hundes. Und es ist überhaupt nicht unmöglich, die Einkäufe sowie Lis zu tragen, Charlie an der Leine zu führen und die Türe aufzuschließen. Alles eine Frage der Gewöhnung. Allerdings führt das Hochheben dazu, dass ihr wieder schwindelig wird. Also setze ich sie zwischen meinen Beinen ab und stabilisiere sie so, bis sie wieder geradeaus gehen kann. Sie macht das mit, als wäre es selbstverständlich. Mittlerweile bleibt sie sogar vor einer einzelnen Stufe (!) stehen und schaut mich vorwurfsvoll an, warum ich sie nicht darüber hebe. Innerhalb von 2,5 Wochen hat sie mich dressiert. Einfach so. Auch hier das Fazit: Eigentlich ist es kein Handicap.

Das war von außen vielleicht als Einschränkung wahrgenommen wird, ist im Innenverhältnis nur bedingt so. Wir finden für alles eine Lösung, passen uns an und nehmen uns ein Beispiel an Charlies guter Laune.

Sonderfelle

Meine beiden Sonderfälle sind also nicht so besonders, wie es auf den ersten Blick wirken mag. Zumindest nicht, was ihre Einschränkungen angeht.

Besonders sind sie, weil sie Charakter haben. Eigenheiten. Liebenswürdigkeiten. Und weil sie mich jeden Tag glücklich machen. Weil mir das Herz aufgeht vor Liebe, wenn Charlie seine 5-Minuten-Anfälle hat und Lis mal wieder mürrisch aus dem Körbchen klettert. Weil ich vor lauter Glück lachen muss, wenn Lis das Futter aus dem Maul fällt, weil ihr Kopf seit dem Beginn der Erkrankung schief steht. Ja, Glück. Denn sie lebt noch und kann noch fressen. Mit großem Appetit.

Weil ich Charlies Gesichtsausdruck liebe, wenn er vor ein Hindernis gelaufen ist, den gleichen Weg nochmals versucht, wieder auf das Hindernis stößt und einfach nicht verstehen kann, dass es ihm nicht ausweicht. Weil er trotz seiner Einschränkung rennt, tobt, spielt und das Leben genießt.

Ich lerne gerade: Jeder Tag ist wichtig. Und jeder Tag ist gut, wenn wir ihn zu einem guten Tag machen. Danke Charlie und Lis, dass ich das mit Euch erleben darf!

 

Wir freuen uns über sicheres Teilen mit shariff:
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8 Kommentare

  1. Ihr macht das ganz wunderbar ?

  2. So stellen andere Leute deine Hunde vor? Wäre nicht meine Beschreibung, muss ich sagen. Einfach weil das nicht „alles“ ist. Das ist für mich so, als würde ein Mensch sich vorstellen mit „Ich habe mal per Kaiserschnitt entbunden“ oder „Ich färbe meine Haare“. Es sind Lebensteile, aber keine bestimmenden…
    Und ich finde es eigentlich ganz cool, wenn ein Hund Alterswehwehchen hat und nicht „einfach so“ stirbt. Ich glaube, „einfach so“ ist viel zu früh…

  3. Was für eine rührende Liebeserklärung an die beiden Flauschnasen. 🙂 Sie genießen ihr Leben jedenfalls so oder so, trotz „Charaktermerkmalen“

  4. Eine wunderschöne Liebeserklärung für zwei bezaubernde Hunde, die so viel mehr sind als taub und blind. Und ich gebe Roe Recht, „einfach so“ ist eigentlich zu früh. Wie oft haben wir es noch, dass unsere Hunde (oder auch wir Menschen) alt werden, den Bogen schließen und sich langsam in ihrem Tempo vom Leben verabschieden. Ich finde es schön, das erleben zu dürfen.

  5. Wir wünschen euch noch ganz viel Kraft und viel gemeinsame zeit

  6. Ich war zu schnell mit senden ?. Was für ein tolles Leben bei dir zu sein, dass Hund einfach nur Hund sein darf und es ihnen bei dir so gut geht. Ganz liebe Grüße, Anja und Nico ??

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