Die Schere wird immer größer

Die Schere wird immer größer

Ich hatte die Hoffnung, dass Charlie und Lis gleich schnell altern. Rein numerisch betrachtet tun sie es auch. Aber Lis baut in den letzten Wochen unfassbar schnell ab und ich habe das Gefühl, die Schere in der Fitness der Beiden wird immer größer. Und so sehe ich mich langsam mit dem Problem konfrontiert, die Interessen beider Hunde besser zu wahren. Lis ist nun schon über 11 Jahre bei mir und sie ist locker 14 Jahre oder älter, so genau weiß man das bei Straßenkötern ja nie. Charlie ist mit geschätzten 2,5 bis 3 Jahren deutlich jünger und somit auch noch deutlich agiler. 

Trotz einer Zahnsanierung im vergangenen Jahr hat Lis Probleme mit dem Kauen. Ihre heißgeliebten Schweineohren vom Metzger und sonstige harte Kauartikel kann sie nicht mehr zerkleinern. Vielleicht ist es ihr auch zu mühsam, wenn ich ihr etwas hartes zum Kauen gebe, versucht sie sich und danach schaut sie mich wehleidig, anklagend an. So lange, bis ich „tausche“. Dann gibt es eben eine weiche Alternative. Charlie hingegen zermalmt mit einer unbeschreiblichen Freude alles! Es macht mich dann immer etwas traurig, wenn er „stundenlang“ an einem Schweineohr mümmelt, Lis mit ihrer weichen Alternative aber nach wenigen Minuten fertig ist und ihm neidvoll zuschaut. Es gibt Tage, da lässt Charlie einen Rest seines angesabberten, nun weichen Schweineohres liegen. Verlässt seine Decke und sucht sich einen anderen Platz. Und sobald er sich dort niedergelassen hat, nimmt Lis sich das bereits durchgekaute Stück und frisst es auf. Realistisch betrachtet hat Charlie wahrscheinlich einfach die Lust daran verloren, aber an besonders romantischen Tagen denke ich mir, er lässt ihr bewusst ein angekautes Stückchen liegen, das sie dann mit ihren verbliebenen Zähnen futtern kann.

Besonders jetzt, wenn die kalte Jahreszeit hereinbricht, fällt auf, wie unterschiedlich die körperliche Reaktion der Beiden auf das Wetter ist. Lis hat bei feuchter Kälte Gelenkschmerzen und trägt ein Mäntelchen, Charlie möchte am liebsten trotzdem im Teich schwimmen. Lis ist mit kleinen Runden zufrieden, Charlie braucht den gewohnten Auslauf.

Lis war immer ein „Futter-Inhalator“. Innerhalb kürzester Zeit war der Napf leer. Und Charlie der gemütliche Speiser. In aller Ruhe und Gelassenheit futtert er genüsslich vor sich hin. Das hat er auch bis heute beibehalten, allerdings ist Lis deutlich langsamer geworden. Sie kaut länger, schluckt etwas mühevoller und braucht mittlerweile deutlich länger als Charlie.

Lis war immer ein „verwöhnte Köter“ und durfte jeden Morgen ins Bett zum Kuscheln. Das passiert heute nur noch sehr selten, da sie einfach nicht mehr auf das Bett springen kann. Es ist ihr zu hoch. Also wird das Kuscheln auf dem Bett zu einer Ausnahme am Wochenende, wenn ich die Muße habe, sie hinein zu heben. Natürlich kuscheln wir noch an anderen Plätzen, sie kommt also nicht zu kurz. Aber es ist ein Ritual, das aufgrund ihres fortschreitenden Alters weggefallen ist.

Ich vermute, bald werden weitere gemeinsame Rituale wegfallen oder sich ändern. Denn wenn ich beiden Hunden gerecht werden will, muss ich irgendwann mit ihnen getrennt spazieren gehen. Charlies Tempo wird für Lis zu hoch und unsere Runden irgendwann zu lang. Ich muss darauf achten, dass Lis nicht zu kurz kommt, denn manchmal erwische ich uns dabei, wie Charlie sich beim Spielen oder Kuscheln vordrängelt und somit mehr Aufmerksamkeit abstaubt. Manchmal schläft Lis aber auch so tief und fest (und schnarcht wie ein dicker Bär), dass sie nicht mitbekommt, dass etwas passiert. Sie verschläft im wahrsten Sinne des Wortes kleine Spieleinheiten oder Aktionen. Es liegt an mir, für einen Ausgleich zu sorgen, dessen bin ich mir bewusst. Aber weckt man wirklich einen alten Hund? Wie viel Schlaf braucht sie? Fragen, die ich nach und nach für mich beantworten muss.

Traurig hat mich auch eine Geschichte einer Blogger-Kollegin gestimmt. Danni hatte ebenfalls einen „Althund“, Flynn. Und einen Jungspund names Watson dazu. Und nun ist Flynn gestorben. Danni trauert und auch Watson trauert. (Den traurigen Eintrag findet ihr hier.) Jeder, der einen Seelenhund verloren hat, versteht, wie sehr ein solcher Verlust schmerzt. Ich leide also aus reiner Empathie schon mit. Aber auch eine andere Tatsache bedrückt mich: Lis ist sterblich. Und altert spürbar. Wie lange ist ihre Zeit noch? Wie wird es Charlie und mir gehen? Normalerweise verdränge ich solche Gedanken rigoros. Zum Einen, weil ich versuche, ein positiver Mensch zu sein, zum Anderen, weil es nichts bringt, sich über ungelegte Eier den Kopf zu zerbrechen. Und dann liest man einen solchen Eintrag, der dieses unangenehme Gefühl verursacht. Das Verständnis für die Trauer und die eigene Angst davor.

Lis ist unsere Kampfhandtasche. Sie kämpft wie ein Löwe für uns, verteidigt Charlie und mich. Sie ist ein Dominanzbolzen, der die Führung übernimmt, wenn Charlie unsicher ist und ich versage. Sie bestätigt Charlie, gibt ihm Zuneigung und erzieht ihn, wenn nötig. Sie ist oft griesgrämig und abweisend, aber voller Empathie, wenn es Charlie oder mir mal nicht gut geht. Sie ist bockig und hat einen speziellen Charakter, aber wer einmal ihr Herz gewonnen hat, hat einen Freund fürs Leben.

Es betrübt mich zu sehen, wie alt sie geworden ist. Aber ich bin auch froh, dass sie immer noch bei annähernd guter Gesundheit ist und denke, wenn wir über den Winter kommen, dann schafft sie auch noch einen Sommer. Und so hangeln wir uns von Jahr zu Jahr, egal wie weit die Schere zwischen den Beiden wird.

abtrocknen

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