Blind bedeutet nicht unflexibel

Blind bedeutet nicht unflexibel

Eine meiner Sorgen mit Bekanntwerden der Diagnose PRA war, dass Charlie mit der Erblindung unflexibel und „hilfsbedürftig“ werden würde. Also nicht, dass ich ihn ständig körperlich führen müsste oder ähnliches, sondern dass er Veränderungen nicht mehr gut verkraften würde. Und die ein oder andere Begebenheit wies darauf hin, dass meine Sorge berechtigt sein würde: Charlie lief mehrfach gegen das neue Bett, weil es andere Abmessungen als das alte hatte. Ein Knie-hoher Zaun auf unserer Abendrunde war anfangs ebenso ein Problem. Mal lief er gegen einen Schirmständer, mal gegen eine Parkbank, er hat Talent, die Dinge mit dem Kopf zu treffen. 

Doch nach und nach bessert sich dieser Zustand. Bilde ich mir zumindest ein. In vertrauter Umgebung liegt es einzig und allein an mir. Räume ich Wasserkästen und Kartons direkt weg, haben wir einen guten Tag. Lasse ich etwas im Weg stehen, das dort vorher nicht stand, rennt Charlie es zielsicher um. Veränderungen und bewegliche Hindernisse in seinem Terrain führen zu Zusammenstößen. Er ist einhundert Mal durch den Flur gelaufen und nichts ist passiert, warum sollte er auch damit rechnen, dass dort Einkaufstüten stehen?

Meine anfängliche Sorge bezog sich aber auch auf Unternehmungen wie Reisen oder Ausflüge, Besuche bei Freunden und sonstige Unternehmungen in „fremde Welten“. Würde Charlie in fremder Umgebung alles niederwalzen? Sich verirren? Keinen Schritt ohne Leine tun können? Ich hatte wirklich Horror-Szenarien im Kopf!

Heute kann ich rückblickend sagen: Wir kaufen uns im besten Fall ein Wohnmobil und reisen um die Welt. Jeden Tag woanders, immer wieder neue Eindrücke! Wie ich zu dieser gewagten Aussage komme? Ganz einfach: In fremder Umgebung ist Charlie vorsichtig, umsichtig und orientiert sich viel sorgfältiger als zu Hause. In unseren Winterferien waren wir zeitweise in Berlin, nicht nur in der Wohnung des FT-F, sondern auch in anderen Wohnungen, wenn wir Einladungen gefolgt sind. (Bemerkenswert sind übrigens die Menschen, die selber keine Hunde haben, aber völlig entspannt Menschen mit zwei Hunden zu sich einladen! Ich hoffe, wir haben Euch nicht enttäuscht und uns angemessen aufgeführt.)

Beim Betreten von unbekannten Wohnungen halte ich beide Hunde an der Leine. Die Gastgeber werden begrüßt, wie unter sozialen Wesen üblich. Dann betreten wir das Terrain, wobei ich besonders Charlie sehr bewusst langsam und an der kurzen Leine führe. Er soll Hindernisse umgehend wahrnehmen. Dann wird in Rücksprache mit den Gastgebern ein Platz für die Hundedecken gesucht, der im Optimalfall in meiner Nähe ist, aber nicht zu zentral. Dort werden die Hunde samt Wasser platziert. Und bleiben dort. Selbst, wenn ich den Raum kurz verlasse. Ein Aufstehen wird erst erlaubt, wenn das Essen vorbei ist und der Hausherr zustimmt. Dann dürfen beide Hunde sich erst einmal bewegen. Lis steht meistens nur auf, um sich auf Charlies Decke abzulegen. Fremde Wohnungen und Menschen interessieren sie nicht. Charlie hingegen warten den ganzen Abend auf diesen Moment und findet es großartig, Kontakt zu den Anwesenden aufzunehmen und sich mit den Räumen vertraut zu machen. Dabei bewegt er sich sehr vorsichtig und hat es bisher erfolgreich vermieden, etwas umzurennen! Als wäre er viel achtsamer als zu Hause umschifft er selbst kleine Hindernisse wie Kerzenständer mit Bravour und keiner der Anwesenden mag glauben, dass dieser Hund erblindet ist. Ich komme mir manchmal vor wie ein Betrüger, wenn die Leute so erstaunt sind und Charlie sich überhaupt nicht benimmt wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellan-Laden.

Selbst bei Spaziergängen ist Charlie langsamer unterwegs als zu Hause. Ich bin mittlerweile so mutig, ihn abzuleinen und ihm überall Freilauf zu gewähren, wo es möglich ist. Während er zu Hause schon mal gegen einen Baum rast, eine Parkbank mitnimmt und total übermütig ist, ist er in Berlin deutlich aufmerksamer gewesen. Ist erst einmal die Umgebung im Kreis abgelaufen, insgesamt wacher und viel sensibler für Hindernisse. Es war eine Freude, ihm dabei zuzuschauen! Natürlich lässt es sich nicht vermeiden, dass er mal in ein Loch tritt oder ein flaches Hindernis nicht erkennt, aber die großen und spektakulären Unfälle sind uns erspart geblieben.

Rückblickend erscheinen mir meine Sorgen unnötig, Charlie ist total flexibel und macht alles mit, das ich ihm abverlange. Er freut sich, dabei sein zu dürfen und hat offensichtlich Mittel und Wege gefunden, sich zu orientieren und das Leben maximal auszukosten. Das freut mich und ich bin aufgeregt, welche Abenteuer wir in den kommenden Jahren zusammen meistern werden!

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