Dreipunktecharlie

Ein Hund mit PRA

Alte Verhaltensmuster und ein paar Höhen

Charlies nervöses Verhalten ist wieder da. Aargh! Er ist wieder nervös, manchmal extrem unsicher und zeigt Verhaltensmuster, die ich schon längst als überholt angesehen hatte. Und das ausgerechnet in Situationen, in denen es offensichtlich keinen Anlass dafür gibt. In den letzten zwei Wochen habe ich somit wieder verstärkt beobachtet und analysiert. Was sind die Auslöser? Wie kann ich dagegen arbeiten?

Was passiert in solchen Situationen? Charlie hechelt, speichelt sehr starkt und manchmal zittert er am ganzen Körper. Er ist in solchen Situationen nur bedingt zugänglich, hört zwar auf Kommandos, lässt sich aber nur beruhigen, wenn ich den “gedachten Auslöser” komplett unterbreche. Was meine ich damit? Der “gedachte Auslöser” ist in meinen Augen nicht der ursächliche Auslöser für Charlies Stress in diesem Moment. Sondern nur die oberflächliche Störung, die zu diesem Ausbruch von Nervosität führt.

Verschiedene Ebenen und Qualitäten von Stress

Besonders heftig sind Charlie nervöse Ausbrüche im Moment zu Hause. Und zwar bei ganz alltäglichen Tätigkeiten wie Staubsaugen, Putzen, Duschen, Wäsche-Aufhängen. Kein Scherz! Mein Hund sabbert und zittert, wenn ich Wäsche zum Trocknen aufhänge! Charlie hat es sich angewöhnt, mich fast immer zu begleiten, wenn ich den Raum wechsle. Lis ist da anders, sie bleibt immer liegen, bis ich sie auffordere, mich zu begleiten. Charlie begleitet mich immer und braucht umgekehrt die Aufforderung, zu bleiben. Also wäre die nahe liegende Lösung, Charlie ein Bleib-Kommando zu geben, bevor ich im Nebenzimmer die Wäsche aufhänge. Doch so einfach macht er es mir nicht: Dann ist er halt im Nebenzimmer ein nervöses Nervenbündel, bis ich fertig bin.

Ein paar Wochen nach dem Umzug war ich total happy, weil Charlie nicht mehr vor der Badezimmertüre lag, wenn ich duschte. Ein Erfolg für uns. Doch seit einigen Tagen hält er dort wieder Wache, bis ich fertig bin. Und noch schlimmer: Diese Wache ist mit Stress und nervösem Verhalten verbunden.

Das ist zur Zeit unsere größte Baustelle: Der Stress zu Hause. Auch an anderen Orten haben wir Stress, ab und an im Büro und selten im Auto. Doch nur zu Hause fällt Charlie in dieses extreme Muster. Der Stress äußert sich stärker und dauert länger an.

Ursachen und meine Reaktion

Klar, es rattert in meinem Kopf, was ich nur falsch machen könnte. Ist zu Hause etwas besonders passiert? Fühlt er sich in der Wohnung nicht wohl? Negative Erlebnisse, Unfälle oder ähnliches in der Wohnung kann ich ausschließen. Es sind auch keine andersartigen Geräusche (neue Geräte, Nachbarn) oder so hinzu gekommen, die ich wahrnehmen könnte. Hier kann die Ursache nicht liegen, wenn ihr mich fragt.

Wahrscheinlicher ist, dass es an mir liegt. Die letzten Wochen waren beruflich sehr anspruchsvoll, ich hatte schwierige Themen, die sich nun langsam alle lösen. Ich schlafe schlechter, stehe ständig unter Anspannung und komme innerlich kaum zur Ruhe. Das ändert sich, wenn wir zu Hause sind. Bei Tätigkeiten, die mich geistig nicht beanspruchen und schnell zu einem sichtbaren Ergebnis führen, entspanne ich. Putzen, Waschen, Kochen – diese Tätigkeiten sind prädestiniert dazu! Also komme ich total unter Druck nach Hause und gehe in den Entspannen-Modus über. Wusele durch den Haushalt, sprühe mit Reinigern um mich, lassen den Staubsauger kreisen. Und vergesse dabei total, dass das für Charlie keine Entspannung ist. Dass er wahrscheinlich das Gefühl hat, seine total aufgekratzte Sandra bewachen zu müssen. Denn so angespannt wie die ist, können Arbeiten im Haushalt nur zu Unfällen führen…

Außerdem habe ich zu Hause mehr Zeit, auf seinen Stress einzugehen. In den seltenen Momenten, in denen er sich im Büro von meinem Stress anstecken lässt, habe ich keine Zeit, ihn zu beachten oder zu trösten. Und dann ist sein Stress nach einem kurzen Anflug auch schon wieder vorbei. Zu Hause habe ich Zeit, beobachte ihn, schicke ihn auf die Decke, tröste ihn. Sein Problem bekommt meine Beachtung und wird größer. Nehme ich zumindest an. Aber ich komme mir auch vor wie eine “Rabenmutter”, wenn ich das kleine sabbernde Häufchen Elend ignoriere, besonders, wenn ich nichts wichtiges zu tun habe, was zu Hause der Fall ist. Ein Teufelskreis. Den nur ich durchbrechen kann. Nur weiß ich gerade noch nicht, wie. Aber ich arbeite daran.

Gute Dinge

Natürlich ist nicht alles stressig im Moment, es gibt auch gute Dinge in unserer Freizeit. So haben wir unsere Freundin und THP Carolin zu Hause besucht und Charlie konnte endlich mal ihren Rüden kennen lernen. Ich mag es immer wieder gerne zu beobachten, wie Charlie in der Kommunikation mit anderen Hunden ist. Den Erstkontakt hatten wir ohne Lis und die beiden Jungs kamen nach einem kurzen Abstecken ihrer Kompetenzen (Brownie ließ kurz, aber nett, den Hausherren heraus hängen) wirklich gut miteinander zurecht. Dann erst holte ich Lis hinzu, die natürlich ihrerseits mal Stärke zeigen musste. Hausherren-Rechte akzeptiert sie bei anderen nicht gerne. Mein kleiner Höllenhund. Da war Charlie aber schon mit Brownie befreundet und ließ sich von Lis nicht mehr anstecken. Und von da an hatten wir eine sehr entspannte und nette Runde mit den Dreien.

 

Auch toll ist, dass Charlie ohne Mucken seinen neuen Schal akzeptiert und ihn wohl auch nicht als störend empfindet. Einen Schal hatte ich für ihn anfertigen lassen, aus weichem, warmen Fleece. Ich berichtete darüber. Einen zweiten Schal bekam ich zum Geburtstag geschenkt, selbst gestrickt. Wunderbar warm und kuschelig. Den aus Fleece setzen wir nun bei Regen ein, denn er saugt sich nicht so voll. Den gestrickten trägt er bei trockenem, kalten Wetter. Und in der Zwischenzeit kann ich den jeweils anderen Schal waschen und dabei entspannen. (Womit wir wieder beim oben beschriebenen Teufelskreis sind.)

Höhen und Tiefen

Neben dem Stress gibt es also auch noch Dinge, die richtig gut laufen. Unsere Spaziergänge sind toll, Charlie hat sich sehr gut an die neue Umgebung gewöhnt, wir haben neue Rituale entwickelt, neue Spazierwege eingerichtet und überwiegend sind beide Hunde im Moment gesund, vergnügt und wohlauf. Die Anfälle von Nervosität sind zum Glück nicht täglich und ich bin sicher, dass wir diese Tiefen auch wieder überwinden, sobald ich für mich den richtigen Ansatz gefunden habe. So lange wische ich halt noch Sabber auf und tröste den kleinen Kerl.

 

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10 Kommentare

  1. Hmmmm… Shiva hasst den Staubsauger und wird da auch supernervös und beobachtet mich und ihn immer. Als würde ich mit einer Boa Constrictor oder Anaconda kämpfen. Schlimm! Jedenfalls habe ich mir angewöhnt, sie immer hin und her zu schicken. Räum den Fanti weg, bring mir mal Mausi, hol den Ball, geh aufs Kissen, hopp aufs Sofa, geh mal aufs Bett… So ist sie beschäftigt und fällt nicht ins Panikmuster. Klappt bei uns soweit ganz gut. Vielleicht geht das bei Charlie auch?

    Grüßle
    Sandra & Shiva

    • Das haben wir alles schon durch, leider. Futtersuche, Spiele, Tanzen, nichts davon durchbricht bei Charlie das Stressmuster.
      Ich muss einfach an mir arbeiten, damit er es leichter hat. 😉

  2. Konstitutiinsmittel einsetzen 😉
    Und Deinen Ablaufplan ändern, such was, was Euch beide entspannt, wie Du schon richtig schreibst, Hausarbeit ist für Charlie nicht entspannend 😂

  3. Wir haben auch manchmal Rückschläge, was Kalles Ängste angeht. Neulich ist er angesichts eines Radfahrers in Panik geraten, der sich für mich in keiner Weise von allen anderen, die ihn schon lange nicht mehr beeindrucken, unterschieden hat. Und jetzt rückt Sylvester immer näher, was jedes Jahr viele der Fortschritte, die wir bezüglich lauter Geräusche hatten, teilweise zunichte macht. Die Frage ob trösten oder nicht stellt mich auch immer vor Rätsel. Die einen sagen ja, die anderen nein, und jeder ist sich sicher, dass die anderen es vollkommen falsch machen und deshalb ganz furchtbare Frauchen oder Herrchen sind. 🙂 Ich setze mich in der Regel irgendwo hin und versuche, ihn selbst entscheiden zu lassen, ob er Nähe möchte. Außerdem ziehe ich das volle Programm mit Pheromonspray, Hundeshirt und Musik durch. Ich fühle mich dann besser, weil ich denke, dass ich etwas getan habe, auch wenn es für Kalle womöglich keinen Unterschied macht. 🙂

    • Diese Rückschläge aus heiterem Himmel sind die schlimmsten.
      Bei uns hat das Shirt nicht geholfen, zum Pucken habe ich damals zwei Beiträge geschrieben. Pheromone haben wir noch nicht getestet bisher. Helfen sie Euch?
      Sobald ich mich auf den Boden setze, habe ich Charlie auf dem Schoß. Er sucht Nähe und Körperkontakt bei Stress.
      Ich danke Dir jedenfalls herzlich für Deinen ausführlichen Kommentar, das Wissen, mit diesen Problemen nicht alleine zu sein, macht es erträglicher. 😀

      • Wenn Kalle Körperkontakt sucht, lasse ich das auch immer zu. Bei ihm ist es aber manchmal auch so, dass er sich in eine Ecke verkriecht und dann denke ich, dass er vielleicht lieber in Ruhe gelassen werden möchte. Ob die Pheromone wirklich helfen, bin ich mir nicht ganz sicher. Ich habe schon den Eindruck, dass es dadurch besser ist, aber ich kombiniere das meistens auch mit anderem und vielleicht ist alles auch nur eine Art Placeboeffekt, weil ich mich selbst besser fühle, wenn ich glaube, dass es hilft. 🙂

        • Hmmm… ich überlege ja, Pheromone auch mal zu testen. Glaube aber noch nicht so recht daran. Ein Placeboeffekt wäre bei mir also unwahrscheinlich, weil ich mich nicht besser fühlen würde. 😉

  4. Hmm das hört sich für euch Beide sehr stressig an. Das erste was mir eingefallen ist beim lesen, war die PRA, ich habe da eine Idee und nur recht Oberflächlich mal nachgeforscht ob das sein könnte. Du bist ja richtig tief im Thema drin, da kannst du mir ja nachher sagen ob ich Blödsin denke.
    Meine Überlegung: die PRA fängt ja bei den Meisten Hunden beim Dämmerungssehen an. Wenn wir nach uns Menschen gehen würden. Würde es bedeuten das unser Seitliches sehen, so wie unser Bewegungssehen eingeschränkt werden. Am Schluss wird dann auch der Punkt des Schärfsten Sehens beinträchtig und dann Erblindung. Immer frei nach dem Motto. Beim hund wie beim Mensch. Wäre nun meine Überlegung. Was ist wenn er durch den Umzug noch etwas verunsichert ist, da er diese Räume noch nicht so lange kennt. Und zeitgleich sein sehen sich verschlechtert hat. Das würde die Verfolgung ggf. Erklären. Dazu kommt jetzt das sich bewegte Objekte für ihn dann schwerer zu erkennen geben. Als der Staubsauger bewegt sich, die Wäsche die man ausschlägt etc. Alles hat dabei ein Geräusch, ein zischen wenn du sprühst, ein Brummen wenn du saugst und ein knallen wenn du die Wäsche aufhängst. Wenn ich das nicht genau sehen könnte und die Sachen für mich dann eher „böse“ Geräusche machen, würde ich auch Angst bekommen. Denn weder sehen noch hören könnten mir eindeutig sagen ob es eine Gefahr ist. Also suche ich die Nähe zu meiner konstanten – Dich. Jetzt Spinne ich meine Theorie weiter. Draußen macht er es nicht weil er draussen es schon kannte das es Momente gab wo er orientierungsloser war, da wird er sich schon an liz oder dir orientieren, da habt ihr eure Strategie und die Geräusche kommen selten aus deiner Nähe. Also hat er immer dich als Rückzugsort. Könnte sowas sein oder ist es einfach nur Quatsch? Wäre die Theorie denkbar würde ich die Geräusche produzieren, wenn sich nichts bewegt, was bei der Wäsche schwierig ist aber bei dem Staubsauger und der sprühflasch machbar. Dann müsste er es fokussieren können und wenn es dann als ok wieder angesehen wird könnte man die Bewegung wieder einfließen lassen.

    • Liebe Eva,

      Wow, Du hast Dir viele Gedanken gemacht! Danke dafür!
      Da der Wattebausch-Test bei Charlie negativ ist, gehe ich davon aus, dass er auch bei besten Lichtverhältnissen nicht mehr viel bis überhaupt nichts sieht. Er hat auch immer mal wieder tagsüber “Unfälle” bzw. Zusammenstöße, besonders, wenn er unkonzentriert ist.
      Ich habe es auch schon versucht, den Staubsauger ohne Bewegung laufen zu lassen, also eingeschaltet stehen gelassen. Findet er genau so schlimm. Anders ist es, wenn jemand Drittes den Staubsauger bedient und ich nichts tue. Dann ist der Staubsauger ok. Deine Theorie, dass ich sein Rückzugsort sein könnte, stimmt wahrscheinlich. 😉
      Jetzt muss ich noch einen Weg finden, dass er lernt, dass ich ein mobiler Rückzugsort bin, der durchaus in der Lage ist, auch “gefährliches Gerät” aus dem Haushalt zu bedienen…

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