Dreipunktecharlie

Ein Hund mit PRA

“Geht es Charlie gut?”

Manchmal denke ich, ich bin eine sprichwörtliche “Rabenmutter”. Weil Charlies Unfälle und Unzulänglichkeiten für mich so normal geworden sind, sind sie für mich schon wieder vergessen, sobald sie passiert sind. Bis mich jemand mit der Nase darauf stößt…

Der Treppensturz

Letzte Woche hatte Charlie im Büro Magenprobleme. Während ich das Malheur wischte, war meine Assistentin so nett, mit Charlie kurz raus zu gehen. Auf dem Rückweg ins Büro stolperte er auf der Treppe und fiel (mal wieder) auf die Nase. Für mich nichts neues. Charlie kennt diese Treppe von seinem ersten Arbeitstag an, also seit über 3 Jahren. Und trotzdem schafft er es, in der Eile Stufen zu verfehlen oder zu stolpern. Ich ignoriere das einfach. Für meine Assistentin war es das erste Mal, dass sie mit Charlie draußen war und vor Allem das erste Mal, dass sie dabei war, als er gefallen ist. Folglich fragt sie am nächsten Tag “Geht es Charlie gut?”. Auf meinen irritieren Blick hin wurde sie genauer und wollte wissen, ob er sich bei dem Sturz vielleicht verletzt habe. Meine Gegenfrage: “Welcher Sturz?”.

Also, ich gestehe: Wenn er fällt, aber danach aufsteht und ohne Humpeln weiter läuft, ignoriere ich Charlie komplett. Wenn er fällt und quietscht, dann warte ich ab, ob er Anzeichen einer Verletzung zeigt und ignoriere ihn, falls nicht. Wenn er fällt und erst einmal liegen bleibt, dann schaue ich nach Charlie. Meist ist es aber so, dass er dann auf dem Boden etwas gefunden hat, einen Regenwurm oder ähnliches und seinen Fund erst inspizieren muss, bevor er aufstehen kann. Bisher ist ihm bei keinem seiner “Unfälle” und Zusammenstöße etwas ernsthaftes passiert und deshalb sorge ich mich so gut wie nie. Und blende diese Vorfälle auch meistens sofort wieder aus, so dass ich sie am nächsten Tag garantiert vergessen habe. Es sei denn, sie sind besonders lustig!

Kopfstand bergauf

Letzte Woche waren wir an einem kleinen See spazieren, den wir gerade erst für uns entdeckt haben. Dort ist es idyllisch und es laufen coole Hunde dort herum. Charlie hat sich schock-verliebt in Wilma, eine Beagle-Dame. Und getobt wie ein Wilder mit Heinrich, einem Sennenhund. (Und ich hatte meine Freunde an diesen tollen Namen.)

Nach den Hundekontakten sind wir in Richtung Seeufer gelaufen, damit Charlie nochmal trinken konnte und Lis etwas Abstand zum Weg und den anderen Hunden bekommen konnte. Wenn sie brav soziale Kontakte ertragen hat, darf sie danach eine Auszeit haben. Charlie rast das abschüssige Ufer hinab, trinkt, plantscht und ich will Fotos von ihm machen, wie er zurück zu mir gelaufen kommt. Ich knie mich also brav in die Matsche, damit ich Fotos auf Augenhöhe bekomme und fange an, den Auslöser zu drücken, als er in meine Richtung startet. So mache ich mit dem Handy 10 bis 15 Fotos, die ich nachher sichte und das Beste wählen kann. Während ich also fotografiere, stolpert Charlie bergauf, strauchelt und fällt. Er hat die Angewohnheit, häufig mit dem Kinn zu bremsen, wenn er fällt. Das ist aber dieses Mal schief gegangen und sein Kopf hat sich in die weiche, von Wildschweinen aufgewühlte Erde gebohrt. Woraufhin er in einem Kopfstand über seinen eigenen Kopf fiel und sich überschlug.

Ich fing umgehend an zu lachen, denn dieser Anblick war wie aus einem Comic entsprungen. Charlie rappelte sich auf, schüttelte die Erde ab und lief weiter bis zu mir. Keine Verletzungen, aber auch kein Lerneffekt. Denn kaum war er bei mir angekommen, drehte er wieder ab und rannte zurück zum Ufer. Wir spielten noch einige Zeit, hatten Spaß und gingen dann zurück zum Auto. Dort angekommen sichtete ich die Fotos und musste noch mehr lachen: Ich hatte einen Schnappschuss von seinem Kopfstand gemacht! Dieser wurde natürlich an alle Freunde versendet, bei Facebook und Instagram gepostet. Denn so einen Schnappschuss darf man nicht für sich behalten! Wer Charlie und mich kennt, lachte mit. Denn es ist klar: Hätte er sich dabei verletzt, hätte ich das Foto niemals in einem lustigen Zusammenhang verwendet. Doch es gab auch Menschen, die nachgefragt haben “Geht es Charlie gut?”. Und die es nicht so lustig fanden wie ich, dass ich über einen solchen Sturz herrlich lachen kann.

Galgenhumor hilt

Aber mal ehrlich: Soll ich jedes Mal weinen und zum Arzt rennen, wenn Charlie einen Zusammenstoß hat? So etwas passiert ihm mehrmals wöchentlich. Egal wie gut ich aufpasse, irgendetwas ist immer. Dann läuft er gegen einen Bauzaun, erwischt die Stufen der Treppe nicht, weil er zu schnell unterwegs ist oder er überschlägt sich, weil er zu schnell unterwegs ist.

Ich kann ihn nicht immer vor allen Hindernissen warnen, manche nehme ich diese nicht als Hindernis wahr, manchmal bin ich mit Lis beschäftigt. Die Alternative wäre, ihn konsequent an der Leine zu führen, aber dann ist ein ausgelassenes Toben (u.a. mit Wilma und Heinrich) nicht mehr möglich. Also gebe ich mein Bestes und gewähre ihm Freilauf, wann und wo es möglich ist. Viele Zusammenstöße können wir durch die Kommandos “Vorsicht” und “Stopp” vermeiden, aber eben nicht alle. Und wenn es dann passiert, will ich kein Drama daraus machen. Ich lache lieber. Über Charlie, mit Charlie. Denn es gibt Situationen, in denen er ein Hindernis zweimal mitnimmt. Mit voller Absicht. Dann läuft er gegen einen Mülleimer, schüttelt sich und geht davon aus, dass dieses Ding ihm beim zweiten Anlauf Platz machen wird. Nach dem zweiten Aufprall schüttelt er sich erneut, bleibt stehen und beschließt erst nach einigem Zögern, sich doch einen anderen Weg zu suchen. Und dabei sieht er so süß aus, dass ich einfach nur noch lachen kann. Auch, wenn Außenstehende mich in solchen Fällen als “Rabenmutter” wahrnehmen.

“Geht es Charlie gut?”

Ja, es geht ihm gut. Wahrscheinlich sogar sehr gut. Denn er hat Lebensfreude, Auslauf und überhaupt kein eingeschränktes Leben. Und ich bin sicher, dass er sich immer wieder dafür entscheiden würde, vor ein Hindernis zu laufen, so lange er nur laufen darf. Charlie spielt, tobt, fährt am Fahrrad, beherrscht kleine Tricks und hat ein völlig normales Hundeleben, trotz PRA. Würde ich ihn in Watte packen und nur noch an der Leine führen, wäre er wahrscheinlich nicht halb so ausgelassen und happy, wie er den Eindruck macht. Wir halten es da mit typisch kölschem Liedgut, mit dem ich aufgewachsen bin:

“Uns Pänz, die spelle nit em Jras
un fällt ens einer op de Nas,
die Bühle un Schramme,
die fleck m’r zosamme,
dann es et vorbei.” (In unsrem Veedel, Bläck Fööss)

Was so viel bedeutet wie: Unsere Kinder spielen nicht nur auf Gras und falls mal einer hinfällt, dann verbindet man Beulen und Schrammen und alles ist vergessen. Ich finde, das ist ein Leitsatz, mit dem Charlie und ich auch wunderbar leben können.

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11 Kommentare

  1. Ich musste als du das Bild vom Kopfstand gepostet hattest auch ordentlich lachen. Denn ich war mir auch sicher, dass du es nicht gepostet hättest, wenn dabei was passiert wäre. Unsere lieben Vierbeiner können sich ab und an mal sowas von verschätzen und meistens sieht das Resultat ziemlich dämlich aus. Aber im Gegensatz zu uns, tun sie sich meistens dabei nichts. Es wird einmal geschüttet, vielleicht entrüstet geguckt, weil man ausgedacht wird und dann ist alles wieder vergessen.
    Charlie hat ein sehr geniales freies Leben bei dir 🙂 und Unfälle gehören zum Leben dazu.
    liebe Grüße
    Sandra und Aaron

  2. Ich glaube, dass Deine entspannte Einstellung Charlie hilft. Wenn er sich bei seinen Stürzen und Zusammstößen nicht noch verletzt, würde ich mir auch keine Gedanken machen. Wobei mein Humor nicht ganz so weit geht wie Deiner, so dass ich wahrscheinlich nicht lachen könnte. Aber zur Tagesordnung könnteich wahrscheinlich übergehen.

    Auch hier ist die eigene Einstellung, eine positive Haltung und eine zuversichliche Stimmung vie besser. Nur ist das manchmal leichter gesagt als getan….

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

    • Er ist zwar immer schnell unterwegs, aber ich sehe wenig Verletzungsgefahr. Wir gehen ja nicht ohne Leine an Abgründen oder der Straße entlang. 😉
      Und Lachen kann ich mittlerweile, weil es schon so oft passiert ist. Am Anfang habe ich mich auch erschrocken. Da legt sich mit der Zeit und nun nehme ich es mit viel Humor.
      Liebe Grüße
      Sandra mit Charlie und Lis

  3. Es gibt sie, diese Leute ganz ohne Humor. Ich frage mich, wie sie diese Welt aushalten, ohne sich vor lauter Verzweiflung von der nächsten Brücke zu stürzen. 😉 Ich finde auch, dass du alles richtig machst. Ein abwechslungsreiches, buntes Leben, in dem man ein paar Mal auf die Nase fällt, ist doch tausendmal besser als ein eintöniges, in Watte gepacktes. Und meine Hunde freuen sich, wenn ich über sie lache, und tun ganz gezielt Dinge, die mich zum Lachen bringen. 🙂
    Liebe Grüße,
    Nora

    • Das macht neugierig! Was genau tun sie, damit Du lachst?
      Liebe Grüße
      Sandra mit Charlie und Lis

      • Was ihnen gerade so einfällt. 🙂 Besonders Kalle ist ein großer Clown. Er hüpft, spult sämtliche Tricks in Höchstgeschwindigkeit ab, versucht mich umzuwerfen, mir zu klauen, was ich in der Hand halte. (Allerdings nur solange, wie ich es lustig finde. Wenn gerade nicht der Zeitpunkt für Quatsch ist, merkt er das sofort.) Wenn ich lache, fängt er selbst an auf hündische Art zu grinsen. Allgemein zeigt er Verhalten, über das ich lache, mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder. Ich habe darüber nachgedacht, ob das Lachen als sekundärer Verstärker wirkt, weil ich danach mit höherer Wahrscheinlichkeit Futter oder Streicheleinheiten verteile. Eigentlich glaube ich aber, dass es schon selbst ein primärer Verstärker ist, weil Freude ansteckend ist. 🙂

        Liebe Grüße,
        Nora mit Mia und Kalle

  4. Ich denke, Charlie ist da wie ein kleines Kind, die fallen auch des Öfteren mal hin. Vielleicht ist es sogar gut, dass du es ignorierst und keinen Wirbel machst, weil er sonst selbst noch denkt, es gäbe Anlass zur Sorge. 🙂

  5. Hallo! Ein schöner Beitrag. Jetzt musste ich mal googeln, was PRA ist. Finde toll, dass Charlie so viele Freiheiten bekommt. Meine Hündin stolpert beim Laufen trotz jungem Alter und guten Augen zeitweise über ihre eigenen Beine. Bremst mit der Schnauze, rutscht von Baumstämmen ab, fällt beim Schlafen von der Couch etc. Da sie selbst noch nie ein Problem damit hatte, kam bei mir bisher nie Sorge auf. Sieht ja auch wirklich vieles davon lustig aus. Natürlich stutze ich erstmal, beobachte… und dann lache ich. 🙂
    Lieben Gruß von Jule

    • Hallo Jule,

      herzlichen Danke für Dein Feedback!
      Ein paar Beiträge zur PRA bei Charlie findest Du auch auf unserem Blog, aber ich lasse die medizinische Seite bewusst außen vor, da gibt es Experten. 😉 Falls es Dich interessiert, einfach PRA in unsere Suche eingeben oder hier klicken: https://dreipunktecharlie.de/?s=PRA. Charlie ist ja auch noch recht jung, die Diagnose bekamen wir, als er ungefähr 2 Jahre alt war.

      Liebe Grüße
      Sandra mit Charlie und Lis

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