Charlie und Lis sind totale Gegensätze. Offensichtlich für Außenstehende und auch im “Verborgenen”. Charlie ist immer gut gelaunt, freundlich und zugänglich. Er freut sich über jeden Kontakt. Lis ist distanziert, oftmals griesgrämig und nie kontaktfreudig. Charlie ist sportlich und agil, deutlich größer und schlank. Lis ist dem Alter angepasst langsam, behäbig, neigt zum Übergewicht und ist eher der Typ “kleines Pummelchen”. Und so sind sie mein Yin und mein Yang.

Stephie von The Pell-Mell Pack fragte bei Facebook, warum man beim Gedanken an den eigenen Hund lächeln müsse. Und natürlich musste ich sofort daran denken, dass Charlie immer ein Pausenclown ist. Und Lis ein Griesgram. Und dann entwickelte sich der Gedanke von Yin und Yang und ich beschäftigte mich länger damit, was an den Beiden so gegensätzlich und besonders ist. Abgesehen davon, dass einer groß ist, der Andere klein, der Eine nichts hört und der Andere nichts mehr sieht, so sind es ihre Verhaltensweisen, die sich so perfekt ergänzen und alles immer wieder mit einem besonderen Glanz versehen.

Stimmungen

Charlie ist total empfänglich für Stimmungen. Er mag keinen Stress, fühlt sich nicht wohl, wenn Konflikte herrschen oder sogar Aggression in der Luft liegt. Und er reagiert darauf immer gleich: Beschwichtigend und mit aufdringlich guter Laune. Er versucht, alle Anwesenden aufzuheitern. Schlechte Stimmung wedelt er weg. Meist mit Erfolg.

Lis ist da anders. Externe Stimmungen interessieren sie nicht wirklich, so lange sie nicht unmittelbar betroffen ist. Um sie herum kann das totale Chaos herrschen, wenn Madame müde ist, blendet sie alles aus und schläft. Sie ist ein Ruhepol. Für Charlie und auch mich.

Ganz anders reagiert Lis auf meine Stimmungen. Sie ist der unverfälschte Ausdruck meiner Gefühlswelt. Und das meine ich wirklich so. Ich kann noch so sehr gute Miene zum bösen Spiel machen, Lis verrät, was in mir vorgeht. Beispiel gefällig? Der Sohn einer Freundin benahm sich neulich bei Tisch der Mutter gegenüber nicht freundlich. So überhaupt nicht. Pubertär aufmüpfig, großmäulig. Alle Anwesenden versuchten, die Situation zu überspielen. Ich sagte zwei bis drei Sätze zu dem Jungspund und tadelte ihn. So ein Verhalten kann ich nicht durchgehen lassen. Kurze Zeit später verließ der junge Mann zur Freude aller den Tisch, da er noch verabredet war. Er kam nochmal zurück in den Raum bevor er das Haus verließ, um sich zu verabschieden. Alle waren mehr oder minder aufgesetzt freundlich, man wollte die Stimmung nicht noch mehr drücken. Nicht aber Lis. Sie knurrte ihn laut und vernehmlich an und beendete ihre deutlich hörbare Strafpredigt erst dann mit einem lauten Seufzer, als die Tür hinter ihm in Schloss fiel. Lis kennt diesen jungen Kerl seit mehr als einem Jahrzehnt und hat eigentlich ein gutes Verhältnis zu ihm. Sie hat ihn seit Jahren nicht angeknurrt, aber sein Verhalten schien ihr einen Tadel wert. Und ich musste ihr einfach zustimmen.

Ein anderes Beispiel: Es gibt Menschen in meinem Leben, die ich nicht um mich herum haben würde, wenn ich nicht müsste. Aber es gibt eben soziale Zwänge, denen man Folge zu leisten hat. Also versuche ich, mich mit diesen Menschen zu arrangieren. Und es würde wahrscheinlich überhaupt nicht auffallen, dass ich Ressentiments habe, gäbe es nicht Lis. Von diesen Menschen lässt sie sich teilweise seit Jahren nicht anfassen oder streicheln. Knurrt und bellt wie Zerberus persönlich, wenn diese Menschen mich zur Begrüßung berühren. Ich schiebe dieses Verhalten dann immer auf Lis Vergangenheit, entschuldige mich sogar teilweise dafür. Kann aber nicht wirklich mit Lis schimpfen, weil ich ihr tief im Innersten Recht gebe. Ja, ich oute mich! Ich bin manchmal sogar ein bißchen neidisch, wie konsequent Lis in ihrer Ablehnung ist. Frei von sozialen Zwängen, Ausdruck meiner heimlichen Gefühle. Ein klassischer Erziehungsfehler, klar. Wie kann ich nur stolz auf solch ein Verhalten sein? Aber mal ehrlich: Wer hätte nicht gerne manchmal eine Lis, die den doofen Nachbarn anknurrt, während man selber aus taktischen Gründen freundlich sein muss?

Charlie ist da übrigens ganz anders und lässt sich von mir nicht so stark beeinflussen. Wer freundlich zu ihm ist, dem begegnet Charlie ebenso mit Freundlichkeit, egal, was ich denke. Und falls jemand Charlie nicht aufgeschlossen begegnet, ignoriert Charlie diese Person einfach. Er ist da wohl eher ein schlichtes Gemüt oder hat das Talent zum Diplomaten, da bin ich noch unschlüssig.

Rituale

Rituale bestimmen einen Teil unseres Lebens, ob gewollt oder ungewollt. Wochentags arbeiten, früh aufstehen, Spaziergänge zu festen Zeiten. Am Wochenende ausschlafen, Ausflüge, Unternehmungen und mehr Raum für Spontanität. Und beide Hunde reagieren ganz anders darauf.

Lis braucht keine Rituale. Solange sie es warm hat und satt ist, ist ihr der Rest egal. Sie macht alles mit und lässt sich einfach durch nichts erschüttern. Woanders übernachten? So lange es warm und weich ist, ist Lis dabei. Den ganzen Tag an einem Problem arbeiten und viel zu wenig Zeit für die Hunde? Kein Problem, wenn Lis satt ist und weich liegt, erträgt sie alles. Mehrere hundert Kilometer im Auto? So lange Lis auf der weichen Jacke des Lieblingsmenschen liegen kann, fährt sie bis ans Ende der Welt.

Nicht so Charlie. Woanders übernachten? So lange ich dabei bin, findet er wenigstens etwas Schlaf. Aber jedes fremde Geräusch, jedes Knacken lässt ihn aufschrecken. Ich habe im Büro die Mittagspause “verschludert”, weil ich zu viel Arbeit habe? Nicht mit Charlie. Er besteht auf seinen Spaziergang zur gewohnten Zeit und das mit Nachdruck. Klettert an mir hoch, stupst mich an und macht klar: Ich nerve Dich so lange, bis wir endlich unser Ritual einhalten! Autofahren? Bäh. Nur, weil er sonst nicht dabei sein könnte, fährt er mit. Aber bis heute weder richtig entspannt noch freudig. Das Auto ist für ihn ein notweniges Übel.

Ich schlafe gerne aus. Wenn der Wecker klingelt, versuche ich die Welt auszublenden und stelle mich tot. Lis ebenso. Aber nicht unser Charlie. Unter der Woche ist das Klingeln des Weckers sein Signal, dass es los geht. “Auf in den Tag!”. Also weckt er zuerst Lis, scheucht sie vom Kissen auf um dann mit ihr gemeinsam mich aus dem Bett zu locken. Lis erinnert sich daran, dass es Frühstück gibt, wenn ich aufstehe, also findet sie es sinnvoll, Charlie zu unterstützen, wenn sie eh schonmal wach ist. Also tanzen und tippeln beide Hunde freudig wedelnd neben meinem Bett. Ein Frühstücks-Futter-Tanz. Und wenn ich nicht schnell genug reagiere, kommt Charlie mit seine Nase ganz nah an meine heran und pustet mich an. Spätestens dann bin ich wach. Stehe auf und bereite den Herrschaften das Frühstück.

Am Wochenende klingelt bei uns kein Wecker. Traurig für Charlie, der bitter lernen musste, dass Lis und ich uns an diesen heiligen Tagen nicht in aller Frühe aus dem Bett scheuchen lassen. Wenn wir keine Pläne haben, sind Lis und ich Meister darin, uns tot zu stellen. Also geduldet Charlie sich. Zumindest ein wenig. Denn kaum erlange ich das Bewusstsein, steht er bereit. Er hat ein untrügliches Gefühl dafür, wenn ich aus der Phase zwischen Traum und Wirklichkeit erwache und das erste Auge vorsichtig öffne. Selbst wenn ich mich beim Öffnen der Augen nicht bewege, Charlies Antennen nehmen wahr, dass ich Bewusstsein erlangt habe. Und dann geht sein Ritual von Vorne los. Zuerst muss Lis daran glauben, danach ich.

Futter

Lis frisst alles. Wirklich. Ich habe noch nie erlebt, dass Lis etwas essbares abgelehnt hätte. Sie frisst auch nicht besonders appetitlich, sie schlingt und würde wahrscheinlich eher an einem Bissen ersticken, als ihn einem anderen zu überlassen. Nicht so Charlie. Er speist.  Er ist wählerisch, frisst nicht gerne Dinge, die er nicht kennt und lehnt sogar Wassermelone ab. Hat er den Eindruck, dass Lis Blick, den sie ihm beim Fressen zuwirft, bedrohlich sein könnte, überlässt er ihr den Napf. Ich muss ständig darauf achten, dass er wirklich auffrisst und nicht seine “Reste” in den kleinen Hund wandern. Charlie interessiert sich nicht für Döner, der auf der Straße liegt, Lis würde das Teil mitsamt der Alufolie fressen. Treffen wir den Waldkindergarten, checkt List, welches Kind Essen mit sich führt. (Im Vorbeigehen, an der Leine. Ich schwöre, Kinder mit Wurstbroten in der Tasche kann ich an Lis Gesicht erkennen!) Charlie hingegen versucht einfach nur, jedem Kind freundlich zuzuwedeln und hat selbst dann kein Interesse an dem Essen der Kinder, wenn sie es ihm ins Gesicht halten.

Yin und Yang

Solche Situationen und Erlebnisse fallen mir ein, wenn ich über die Frage nachdenke, warum mich meine Hunde zum Lächeln bringen. Und auch wenn ich Lis manchmal beschreibe, als sei sie garstig und unausstehlich, so erfüllt sich mich mit Freude und Stolz. Mein kleiner starker Hund aus der Tötung, mit diesem riesig großen Herz und diesem unfassbaren Mut. Sie hat etwas von Gimli aus “Der Herr der Ringe”, das gebe ich zu. Aber sie kann auch liebevoll, zugewandt, aufgeschlossen und liebebedürftig sein, dafür gibt es sogar Zeugen. Und Menschen, die dieses Verhalten an ihr mehr als einmal persönlich erlebt haben.

Ich kokettiere  ab und zu gerne mit Lis besonderem Verhalten, auch weil es in einem so krassen Gegensatz zu Charlies Wesen steht. Charlie, der Sanftmütige, der kleine Hasenfuß, der erst durch Enki lernte, wie ein Rüde knurrt. Der wahrscheinlich noch nie im Leben eine schlechte Erfahrung gemacht hat und deshalb ein totaler Menschenfreund ist. Der wahrscheinlich niemals richtig Hunger litt und nie auf der Straße wahrlich um sein Überleben kämpfen musste. Dessen größte Probleme im Leben darin bestehen, dass er keinen Stress verträgt, nicht gerne Auto fährt und Lis ihn manchmal tadelnd anschaut.

Mein Yin und mein Yang. Sie bereichern mich, bereichern sich gegenseitig und machen das Leben schöner. Bringen mich zum Lächeln. Was will ich mehr?

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