Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich fand diesen Winter sehr dunkel und nass. Doch seit Ostern geht es bergauf und wir können den Frühling schon riechen! Die Sonne scheint öfter, es wird wärmer und grüner. Und die Hunde sind irgendwie aktiver als noch vor ein paar Wochen. Ja, auch Charlie kann noch aktiver sein, als er es eh schon ist! Zur Zeit testet er wieder seine Grenzen aus, ist überschwänglich und spielt ständig den Pausenclown. Es gibt Momente, da ist er so flegelhaft, dass ich an meiner Erziehung zweifle.

Ohren auf Durchzug

Am Wochenende waren wir an unserem Lieblingssee spazieren, da Samstag wundervolles Wetter war. Strahlender Sonnenschein, angenehme Temperaturen. Beide Hunde waren gut drauf und hatten sichtlich Freude an der Runde. Sogar Lis tänzelte den Weg entlang und machte einen motivierten Eindruck. Sie war sogar so verrückt drauf, dass sie freiwillig mit Charlie im Wasser plantschte!

Charlie düste von Rechts nach Links, rannte und tobte mit uns. Und bekam dann seit langer Zeit mal wieder einen 5-Minuten-Anfall.  Er ist dann außer Rand und Band, hüpft und springt und bellt und ist überhaupt nicht mehr zu bremsen. Lis steht dann meist kopfschüttelnd daneben, ich lachend. Doch dann bremste er sich selber, bliebt stehen, hielt die Nase in den Wind und witterte. Gerade als ich „Stopp!“ rufen wollte, gab es schon Fersengeld und rannte los. Was mir entgangen war: In kurzer Entfernung war ein anderer Hund am Wasser und Charlie hatte ihn vor mir entdeckt. Charlie rannte also los um den Artgenossen schnellstmöglich abzuchecken und zu klären, ob es sich um einen potentiellen Spielkameraden handelt.

Normalerweise rufe ich ihn und er unterbricht. Stoppt seinen Lauf und kommt zu mir zurück. Doch nicht an diesem Tag: Die Ohren auf Durchzug lief der Arschlochhund in ihm einfach weiter. Bis zu dem anderen Hund. Und zur Bestätigung für dieses unmögliche Verhalten war das auch noch ein netter Hund, der sich über Charlie freute und mit ihm spielte. In solchen Situationen rufe ich dann auch nicht mehr, ich warte ab, bis Charlie wieder zugänglich ist. Daneben stehen, während er wild tobt und seinen Namen rufen erscheint mir nicht zielführend. Ich warte lieber einen Moment ab, bis er wieder zugänglich ist und rufe dann. Zu seinem Glück kam er dann auch beim ersten Ruf. Und dafür musste ich ihn loben, auch wenn es mir schwer gefallen ist.

So will ich nicht sein

Mir sind solche Situationen unendlich peinlich. Zwar dürfen Hunde an diesem See freilaufen und der andere Hund war ebenso ohne Leine, trotzdem schäme ich mich irgendwie, wenn Charlie losläuft, um andere Hunde zu begrüßen. Selbst, wenn es nur 20 Meter sind, das nervt mich. Wir haben einen festen Radius, in dem Charlie sich bewegen darf und wenn er diesen überschreitet ohne zu „fragen“, finde ich das doof. Ich habe ihn eigentlich so erzogen, dass er erst nach meiner Freigabe zu anderen Hunden geht oder läuft. Aber irgendwie gibt es derzeit Situationen, in denen er auf Durchzug schaltet und es ihm egal ist. Da ist die ganze Erziehung vergessen.

Zur „Strafe“ waren wir am nächsten Tag am Niehler Ufer spazieren, einem großen Freilaufgebiet am Rhein. Dort ist es wunderschön, alle Hunde laufen frei, haben Kontakt zu einander und es geht recht entspannt zu. (Lis und ich nennen das Anarchie.) Aber entgegen seiner Hoffnung durfte Charlie nicht mit den anderen Hunden rennen. Er musste (ohne Leine) bei Fuß gehen und über eine Stunde lang verbot ich ihm jeden „Start“. Ein paar Mal musste ich ihn absitzen lassen, weil er sehr aufgeregt war, die anderen Mal klappten erstaunlich gut. So hatten wir gute 30 Hundekonktakte, ohne dass Charlie wirklich Kontakt hatte. Seine Impulskontrolle wurde von Mal zu Mal besser und ich war wirklich wieder versöhnt. So versöhnt, dass ich ihm am Ende erlaubte, mit ein paar neuen Kumpels große Runden auf der Wiese zu drehen und richtig Vollgas zu geben.

Die lieben Impulse

Erstaunlich für mich ist, dass Charlie wirklich nur mit den eigenen Impulsen zu kämpfen hat, wenn es um andere Hund geht. Kontakte scheinen für ihn das wichtigste zu sein, wenn er einen Kumpel findet, mit dem er gemeinsam rennen und toben kann, ist er der glücklichste Hund der Welt. Ich merke ihm richtig an, wie schwer es ihm fällt, keinen direkten Kontakt zu haben. Wie aufgeregt er ist, wenn ich mich mit dem anderen Halter erst abstimme, ob Kontakt erwünscht ist.

Diese Impulskontrolle fällt ihm schwer. Sehr schwer und funktioniert auch nur, wenn ich ihn konsequent dazu anhalte. Ganz anders erhält es sich zum Beispiel bei Futter: Hier hat Charlie wenig Trieb, gibt gefundenes Futter gerne ab, verteidigt seinen Napf nicht, wird nicht hektisch. Auch jagdlich ist er recht entspannt. Wir sehen regelmäßig Stadtkaninchen, die wenig Angst vor Hunden haben. Charlie nimmt sie wahr, interessiert sich aber nach dem ersten deutlichen Verbot nicht für sie. Manchmal ärgern ihn Krähen, wenn wir über die Hundewiese laufen. Die Krähen sind wirklich frech und fliegen Scheinangriffe gegen ihn. Und wenn er dann die Faxen dicke hat, verscheucht er die Krähen, indem er ihnen nachjagt. Doch auch dieses Verhalten kann ich mit einem „Nein“ sofort abbrechen.

Warum ist wohl sein Impuls so stark, was andere Hund angeht? Warum ist ihm direkter Kontakt so wichtig? Das würde mich wirklich interessieren.

Also trainieren wir wieder stärker

Charlie ist ehrlich gesagt ein leichtführiger Hund. Er ist aufmerksam und arbeitet gerne. Und es liegt alleine an mir, wenn ich nachlässig werde und nicht aufmerksam genug bin. Ich muss andere Hunde vor ihm wahrnehmen und ihn zur Impulskontrolle anhalten, dann sind unsere Erfolgsaussichten deutlich besser. Und ich vermute, wenn ich jetzt einige Zeit wieder konsequent bin, wird Charlie bald wieder auf meine Freigabe warten, bevor er zu einem anderen Hund läuft. Wahrscheinlich ist es möglich, den durch die Frühlingsgefühle ausgelösten Übermut durch ein konsequentes Training wieder zu bremsen. Und dann können wir wieder enspannt und ohne peinliche Situationen die ersten warmen Sonnenstrahlen genießen.

Wir freuen uns über sicheres Teilen mit shariff: