Hunde mit einer später erworbenen Erblindung sind „komplett auf die Hilfe des Menschen angewiesen“, „brauchen oft Jahre, um das Defizit auszugleichen“ und der Halter sollte nur „für Spaziergänge nur 2 – 3 feste Wege wählen“. Worte einer Hundeschule, die nach den Leitlinien eines TV-bekannten Trainers arbeitet und sich auch nach diesem benennt.

Andere empfehlen bei entgegen kommenden Menschen: „Führen Sie den Hund dicht bei sich und rufen Sie gegebenenfalls der Person zu: „Bitte Abstand halten!“.“ Wieder andere raten, einen blinden Hund nicht alleine zu halten, ein Leithund sei unabdingbar. Eine große Versicherung rät, Schlaf- und Futterplätze mit Duftölen zu versehen, damit der Hund diese Plätze findet. Und ich soll „an Familienmitgliedern und anderen Tieren im Haushalt ein Glöckchen befestigen, damit der Hund weiß, wo sich seine Familie bzw. sein Rudel gerade aufhält.“.

Ich schwanke immer noch zwischen Lachen und Weinen ob dieser Ratschläge. 

Was ist falsch? Was ist richtig?

Mal ehrlich, beim ersten Lesen dieser Tipps habe ich mich nicht einbekommen vor Lachen. Ich stelle mir vor, wie ich an Lis ein Glöckchen befestige, die Kissen, die Näpfe, das Sofa mit Orangenöl beträufle, in der Stadt alle paar Meter rufe: „Bitte Abstand halten!“ und Charlie keinen Schritt mehr alleine machen lasse. Habt ihr das Bild?

Ich habe mir den Spaß erlaubt, die Worte „Umgang mit dem blinden Hund“ zu googlen. Ich las Kommentare bei einer anderen Bloggerin mit blindem Hund und darunter war auch so ein „toller“ Tipp für den Alltag. Also fragte ich mich, wie die Leute auf solche Aussagen kommen und spielte den Ball an google ab. Wow. Mit so vielen Tipps hätte ich nicht gerechnet.

Sind die nun richtig? Sind sie falsch? Ich möchte mir natürlich nicht anmaßen, ein allgemeingültiges Urteil zu fällen. Ich kann nur aus unserer Sicht einen Maßstab anlegen, unsere Erfahrungen und unser Leben als Vergleich heran ziehen. Und dann muss ich einfach lachen.

„Den Hund immer hinter sich laufen lassen“

Ich lebe keinen dieser Tipps. Lis ist für Charlie kein Leitttier, sie ist viel langsamer unterwegs, interessiert sich nicht für seine Belange und die Beiden gehen häufig eigene Wege. Lis hinter mir, Charlie vor oder neben mir. Wir gehen ständig an anderen Orten spazieren, ich nehme Charlie und Lis nahezu überall mit hin und nehme keine Rücksicht darauf, ob Charlie diesen Ort nun kennt oder nicht. Wir haben Rituale und Kommandos, mit denen wir Orte erkunden, auf Hindernisse weise ich ihn häufig hin. Aber es käme mir nie in den Sinn, immer nur an den gleichen Orten zu sein.

Charlie ist auch nicht komplett auf meine Hilfe angewiesen. Er kann sehr wohl alleine einen Ort erkunden, sich orientieren, mehr als 3 Schritte machen ohne in eine hilflose Starre zu verfallen oder sich zu verletzen. Und warum soll ich ihn hinter mir laufen lassen? Sein Platz ist, wenn er angeleint ist, neben mir. Im „Fuß“. Und manchmal auf vor mir, denn Leinenführigkeit ist bei uns abhängig von der Tagesform. Doch auch wenn er vor mir geht, bin ich in der Lage, über kleine Berührungen der Leine (Zupfen usw.) ihm einen Richtungswechsel oder ein Ausweichen vorzugeben. Ich tippe „Links“, er weicht etwas nach links aus. Oder nach rechts. Oder bleibt stehen. Je nach Situation eben.

Freilauf, Fahrradfahren, Schwimmen – ich denke darüber nicht nach

Mein Musterbeispiel für einen blinden Hund ist „Mausi“. Mausi schwimmt, rennt ohne Leine, fährt Fahrrad und führt das wilde Leben eines gut gelaunten Hundes. Sie ist mein Vorbild, so ein Leben ist unser Ziel. Kein eingeschränktes Leben in Watte gepackt mit Glöckchen und Duftölen. Blindheit sollte Alltag sein, keine Einschränkung. Hunde orientieren sich anhand von Gerüchen, Geräuschen, mit ihrem Tastsinn und so vielschichtig, dass ein fehlendes oder schlechtes Sehen größtenteils kompensiert wird.

Charlie hört die feinsten Geräusche. Kommt unser Lieblingsmann nach Hause, weiß Charlie, dass er es ist, bevor er im Treppenhaus unsere Etage erreicht hat. Charlie rennt dann sofort zur Wohnungstüre und kann es kaum erwarten, dass diese sich endlich öffnet. Kommt ein Nachbar durchs Treppenhaus, reagiert Charlie überhaupt nicht.

Er erkennt auch, ob ein Paketbote (wenig Freude) oder eine Freundin (viel Freude) zu Besuch kommen. Wenn es bei uns klingelt, gehe ich zur Wohnungstüre, betätige den Türöffner und öffne die Türe. Charlie steckt für die Nase raus. Eine bekannte Person führt dazu, dass er sofort ins Treppenhaus stürzt, um die Person zu begrüßen. Eine unbekannte Person führt dazu, dass er neben mir stehen bleibt und abwartet, was passiert. Das erkennt er anhand des Geruchs, der Schritt-Geräusche oder sonst wie, aber er erkennt es.

Wenn Charlie so viel wahrnehmen kann, warum sollte ich ihn oder uns also einschränken?

Unser Faktencheck

Düftöle: Den Futternapf findet er selbst, wenn ich ihn nicht zu Hause füttere, denn zum Einen riecht sein Futter, zum Anderen fülle ich den Napf, stelle ihn hin und gebe ihn frei. Da gibt es genug Spielraum für Orientierung. Den Wassernapf „zeige“ ich ihm, wenn wir an fremden Orten sind. Ich klopfe dagegen und sage „Wasser“. Danach findet Charlie den Napf auch ohne mich. Kissen, Decken, Liegeplätze wie das Sofa usw. findet Charlie anhand deren Platzierung und deren Eigengeruch. (Nein, unser Sofa und die Decken stinken nicht.) Es gibt feste Plätze, die kennt und findet er. Und wenn wir unterwegs sind und er bekommt eine Decke zugewiesen, führe ich ihn einmalig dorthin.

2 – 3 feste Wege: Wow. Da würden wir uns alle zu Tode langweilen. Wir erkunden gerne gemeinsam neue Wege, an der Leine und falls möglich im Freilauf.

„Bitte Abstand halten!“: Das habe ich noch nie gesagt. Nur, weil Charlie andere Menschen nicht sieht, nimmt er sie nicht auch nicht wahr. Er hört und riecht sie. Und er kann ihnen ausweichen. Oder ihnen gezielt auf den Schoß hüpfen, falls es Freunde von uns sind. Neulich war ich so tollkühn und habe Charlie mit auf einen Flohmarkt genommen. Nicht lange, aber lange genug, um ein wenig zu trainieren. Sich zwischen vielen Beinen und Hindernissen zu orientieren, sich auf die Sinne und mein Eingreifen verlassen. Und es klappt wunderbar! Es ist zwar anstrengend für uns beide und wird bestimmt nicht unser Hobby, aber es klappt. Charlie kann unterscheiden, ob vor uns ein Hindernis (Kinderwagen, Marktstand) ist oder ob er weitergehen kann. Er kann sogar zielsicher eine einzelne Pommes zwischen allen Menschen erkennen und dorthin ziehen.

Glöckchen: Lis und unser Lieblingsmann würden mich töten, hinge ich ihnen ein Glöckchen um. Und Charlie würde es wahrscheinlich auch wahnsinnig machen. Er weiß wo wir sind, kann unseren Schritten und deren Geräuschen folgen. Er ist ja nicht schwerhörig.

Und zu guter Letzt der Leithund: Ja es stimmt, wenn es möglich ist, orientiert sich Charlie an anderen Hunden. An seinem Kumpels Mo und Emil, an Diwi dem Dackel mit der lieblichen Stimme oder an Magnus. Oder an seinem Favoriten Enki. Oder an dem Hund, den er gerade kennen gelernt hat. Selten nur an Lis. Warum? Lis hat ein anderes Tempo. Andere Interessen. Charlie klemmt sich dann rennend an einen Kumpel dran und hofft, dass dieser ihm den rechten Weg weist. Dumm läuft es, wenn der führende Hund über einen Stapel Holz springt und Charlie den Absprung verpasst hat. Dann rennt Charlie nämlich gegen einen Stapel Holz. So vor ein paar Wochen passiert. Aber das ist das Risiko, dass wir eingehen. Denn die Freude, die er bei den Rennspielen und dem Toben hat, wiegt jeden kleinen Unfall auf. Aber Lis ist so gut wie nie sein Wegweiser. Er ist nicht auf sie angewiesen und käme auch ohne sie klar. Oft genug verbringen wir Zeit ohne einen Hund, an dem er sich orientieren könnte und ich behaupte: Charlie vermisst keinen Leithund. Er ist selbstständig und kommt sehr gut ohne einen solchen zurecht.

Und er ist auch nicht komplett auf die Hilfe des Menschen angewiesen. Jedenfalls nicht mehr oder weniger als jeder andere Haushund auch. Klar kann er sich sein Futter nicht selbst zubereiten, das liegt aber nicht an mangelnder Sehkraft.

Fazit

Wir machen alles falsch. Und sind stolz darauf.

Wie immer in der Hundeerziehung gibt es viele Thesen, eine Menge Ansätze und jeder Halter muss für sich entscheiden, was passt. Wir haben uns entschieden, einen eigenen Weg zu beschreiten, der für uns richtig erscheint. Für andere mag er falsch erscheinen, aber so lange Charlie sich gut orientiert, glücklich und zufrieden wirkt und mein Pausenclown ist, werde ich sicherlich keinen der oben genannten Tipps beherzigen. Wir sind lieber Punks als Duftöl-Versprüher. 😉

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