Lis hatte am Wochenende Krampfanfälle. Richtig heftige mit Orientierungsverlust, Lösen ohne Kontrolle, blutig gebissener Zunge und fast katatonischen Zuständen danach. Eine Odyssee für alle Beteiligten. Ihre Schreie werde ich wohl nie mehr aus dem Ohr bekommen und was Tierkliniken angeht bin ich auch eine Erfahrung reicher.

Anfall 1

Samstag waren wir bei Nachbarn. Mein Lebensgefährte war zwischendurch nochmal bei uns in der Wohnung und bei Lis war alles in Ordnung. Als wir zwei Stunden später die Türe öffneten, stand Lis in der Ecke neben der Türe und bewegte sich nicht. Da sie nichts hört, ist eine Ansprache zwecklos und ich habe sie berührt, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Keine Reaktion.

Also habe ich sie hochgehoben, aber es folgte außer einem Jammern immer noch keine Reaktion. Sie sah nicht! Starre Augen, keine Lidreaktion, selbst bei Berührung nicht.

Der Flur war voller Urin und Kot, Lis nass und voller blutigem Schaum am Maul. Ich wickelte sie in eine Decke, weil sie mir sehr kalt vorkam und setzte mich mit ihr auf dem Arm auf den Boden. Und sie fing an zu schreien. Hohe, schrille Schreie, unterbrochen von einem Jammern – Geräusche, die ich so von Lis noch nie gehört habe. Ein Blick auf die Uhr, unser Tierarzt war sicherlich nicht mehr wach. Wecke ich ihn nachts, was wahrscheinlich möglich ist, braucht er gut 45 Minuten zur Praxis. So viel Zeit hatten wir nicht, war mein Eindruck. Also riefen wir den tierärztlichen Notdienst an. Dieser verwies an eine Klinik. Mein Freund rief dort an, beschrieb Lis Verhalten und den spontanen Verlust der Sehkraft und man gab ihm die Nummer der „ambulanten Euthanasie“. Mein Magen verkrampfte. Ich wollte einen Arzt, keine Einschläferung. Zum Glück fühlte sich die „ambulante Euthanasie“ weder zuständig noch hatten sie kurzfristig Zeit. Also wieder ein Anruf beim Notdienst, der dann an eine Klinik auf der anderen Rheinseite verwies. Wir fuhren umgehend los und trafen dort auch direkt jemanden an.

Ich beschrieb Lis‘ Zustand, ihr Verhalten und ihre Kondition im Tagesverlauf, die bis zum Abend wirklich gut gewesen war. Ein langer Spaziergang, normales Fress- und Trinkverhalten, es gab keine Anzeichen, dass eine solche Verschlechterung drohte.

Noch bevor Lis untersucht wurde, klärte mich die anwesende Tierärztin über Euthanasie auf und über meine Verantwortung, ein Tier nicht leiden zu lassen. Hätte ich ein falsches Wort gesagt, gäbe es Lis jetzt nicht mehr. Selbst nachdem Sie Lis abgehört hatte und bestätigt hatte, dass ihr Herz stark ist, klärte die TA mich über Tumore und Schlaganfall als mögliche Ursache auf und legte mir die Euthanasie nahe. Ich verlangte jedoch nach einem Schmerzmittel, um mögliche Schmerzen auszuschalten und wollte meinen Hund nicht hergeben. Eingewickelt in die stinkige Decke (Hundeurin riecht nach kurzer Zeit echt eklig) presste ich mein haariges Monster an mich und war nicht bereit, sie loszulassen.

Lis bekam dann Novalgin und Vitamin B gespritzt und fuhr wieder mit uns nach Hause.

Wo ist mein Hund?

Zugegeben, das Bündel, das ich an mich presste, hatte nicht viel mit Lis gemeinsam. Sie erkannte weder mich, noch meinen Freund und Charlie. Sie war völlig abwesend und nahm nichts wahr. Setzte ich sie auf den Boden, lief sie los. Wie ein Duracell-Häschen. Einfach laufen. Lief gegen die Fensterscheibe. Lief gegen die Wand. Ohne Sinn und Verstand. Also wickelte ich sie in eine frische Decke und hielt sie weiter fest. Das beruhigte sie zumindest. Auch wenn sie nicht wusste, wie ihr geschah. Ich habe das Gefühl, zu diesem Zeitpunkt wusste Lis nichts. Nicht, dass sie ein Hund war noch, dass sie bei uns wohnte und seit 14 Jahren alles mit mir teilt.

Eine unruhige Nacht

Die Nacht war grauenhaft. Ich schlief nur leicht und wurde regelmäßig wach, schaute nach Lis, die auf ihrem Kissen lag und in die Luft starrte. Sie schlief nicht. Immerhin hatte sie aufgehört zu laufen und blieb liegen. Als es dann endlich morgen war, war Lis wieder besser bei sich.

Sie erinnerte, dass es morgens Frühstück gibt und fand sogar den Weg in die Küche! Vor lauter Freude gab ich ihr eine großzügige Portion, die sie mit Appetit verschlang. Zumindest beim Fressen war „meine“ Lis zurück!

Erleichtert setzte ich mich mit Kaffee und Zigarette auf den Balkon. Ich hatte kaum eine halbe Tasse getrunken, da lief Lis der Sabber aus dem Maul, sie zitterte und kippte auf dem Sofa um. Ich nahm sie sofort herunter auf den Boden, sie war steif wie ein Brett und total verkrampft. Mein Freund gab mir eine Decke, mit der ich sie abdeckte und einen Teil davon zwischen ihre Kiefer presste, damit sie sich nicht wieder die Zunge blutig biss. So hielt ich Lis fest, einen Finger samt Decke zwischen ihren Kiefern, die andere Hand auf ihrem Körper. Sie entleerte dabei wieder ihre Blase und war völlig weg. Nicht ansprechbar.

Charlie verlor währenddessen die Fassung und mein Lebensgefährte ergriff mit ihm die Flucht ins Arbeitszimmer. Charlie verstand überhaupt nicht, was mit Lis passierte und war total gestresst. Er sabberte, zitterte und rannte hin und her. Er versuchte kurz, Kontakt zu Lis aufzunehmen, stupste sie an, roch an ihr und war ratlos. Die Flucht ins Arbeitszimmer war da genau die richtige Entscheidung.

Anfall 2

Der zweite Anfall dauerte ungefähr 45 Sekunden. Lis krampfte tonisch, also starr, nicht zitternd oder zuckend. Das machte es für mich einfacher, meine Finger samt Decke zwischen ihre Kiefer zu bekommen und sie zu fixieren. Aber ansonsten war daran nichts einfach. Ich habe keine Vorstellung, was in Lis in dem Moment vorging, mich überwältigten in dem Moment allerdings Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit und Angst. Lis war starr, verkrampft, pinkelte sich voll und war gefühlt in einer anderen Welt.

Als der Krampf endlich vorüber war, hatte sie dieses Mal Augenreflexe. Also zumindest diese Sinneswahrnehmung. Sie rappelte sich auf und wollte loslaufen. Wieder ohne „Sinn und Verstand“. Und lief volles Programm vor das Terrassenfenster. Zweimal. Ich hatte derweil eine saubere Decke geholt und wickelte sie umgehend ein. Nahm sie auf meinen Schoß und hielt sie fest.

Und Lis heulte. Jammerte. Seufzte. Herzzerreißend.

Wer mag und es „verträgt“: Ich habe ein kurzes Video gemacht von ihrem Jammern. Nicht aus dem Anlass, es zu veröffentlichen, sondern für meinen Tierarzt. Den Anfall selber habe ich nicht gefilmt und werde wahrscheinlich auch nie die Kraft haben, das zu tun. Denn wenn ich filme, kann ich ihr nicht helfen. Klar, Hilfe ist bei einem Anfall nur begrenzt möglich, aber wenn ich sie festhalte, habe ich zumindest das Gefühl, irgendetwas zu tun.

So haben wir gute 30 Minuten verbracht. Lis auf meinem Schoß, in eine Decke gewickelt, weinend. Ich in Kleidung voller Sabber, Urin und auch ein wenig Blut. Kein rühmlicher Moment. Aber ein ganz ehrlicher. So kann das Leben mit einem alten Hund plötzlich ganz anders sein als noch am Tag zuvor.

Bis Lis wieder die vollständige Orientierung hatte und wusste, dass sie ein Hund ist, der mit zwei Menschen und einem weiteren Hund zusammenlebt, vergingen dieses Mal nur ca. 2 Stunden.

Der Rest vom Tag

Den Rest vom Tag verbrachte Lis körperlich nur in meiner Nähe. Sie kam nicht gut zur Ruhe, schlief bis abends nicht und war sehr gestresst. Sie in ein Tuch zu wickeln und zu halten half wieder, weshalb wir bis abends eigentlich nur aneinander gekuschelt lagen. Ich hielt und streichelte sie, sie schaute an die Decke oder sonst wo hin.

Charlie brachte das alles völlig aus der Ruhe. Er verstand nicht, was passierte und warum Lis nicht wie gewohnt auf ihn reagierte. Da wir nachmittags ursprünglich eine Verabredung mit Spaziergang geplant hatten, entschieden wir, dass der Lieblingsmensch und Charlie diese Verabredung wahrnehmen würden und Lis und ich zu Hause blieben.

Und das war genau die richtige Entscheidung, Charlie hatte ein paar unbeschwerte Stunden und ich konnte einfach bei Lis sein, ohne schlechtes Gewissen Charlie gegenüber.

Unser Tierarzt

Sonntags nach dem zweiten Anfall hatte ich unseren Tierarzt angerufen, der mir nach meiner Schilderung und dem Hören von Lis Gejammer bestätigte, dass es wohl Krampfanfälle sein würden. Er erklärte mir, dass man während des Anfalls nichts tun kann, dass es aber unter Umständen die Möglichkeit gäbe, die Nachwirkungen zu reduzieren. Dazu sei aber eine Abklärung notwendig. Er wollte mich am Nachmittag in der Praxis treffen, das das Labor für die Blutuntersuchung aber erst Montags wieder öffnete, hätte ich Montag erneut in die Praxis gemusst. Da klar war, dass eine akute Hilfe nicht möglich ist, entschied ich mich, bis Montagmorgen zu warten.

Montag waren wir dann direkt morgens in der Praxis. Lis, Charlie, mein Lebensgefährte und ich. Und Frank, unser Tierarzt, war wie immer die Ruhe selbst. Hörte sich die Schilderungen an, bekräftigte mein Gefühl, dass eine Euthanasie voreilig gewesen wäre und fing seine Untersuchung an. Er hörte Lis‘ Herz ab (Kräftig!), tastete sie von oben bis unten ab (Unauffällig!) und riet mir zu einem großen Blutbild. Also wurde noch Blut abgenommen. Lis hielt tapfer durch, Charlie staubte Leckerchen ab.

Die Ergebnisse

Das große Blutbild war abends bereits vom Labor erstellt und ausgewertet. Die meisten Werte sind im Normalbereich und für Lis‘ Alter sogar recht gut. Allerdings sind Hämatokrit, ALT, Eosinophile und Retikulozyten teilweise stark erhöht. „Bei diesem Tier findet sich eine Retikulozytose ohne Anämie“, lautet ein Satz im Laborbericht. Die Ursachen hierfür können unterschiedlichster Art sein, auch Tumorerkrankungen kommen in Frage.

Mein Tierarzt, völlig entspannt: „Ich möchte das jetzt noch gar nicht bewerten, sondern gerne die Leber schallen und röntgen und ein paar Tage ein Barbiturat testen. Dann sehen wir, ob die Krämpfe sich verändern, falls sie nochmals kommen.“ Da wir zum einen die Tabletten testen wollen, zum anderen keine Narkose mehr machen möchten, haben wir uns entschieden, Lis am Freitag weiter zu untersuchen. Spätnachmittags, in aller Ruhe. Dann können wir sie ohne Narkose schallen und röntgen und sehen, ob die Leber sich auffällig zeigt.

Bis dahin versuche ich entspannt zu bleiben und Lis eine angenehme Zeit zu machen. Gutes Fressen, viel Ruhe und Zuwendung. Unsere wundervolle Carolin (Alternative Tiermedizinerin) unterstützt Lis zwischendurch mit Reiki und hat ihr unterstützende Globuli zusammengestellt. Und bisher ist das „Gewitter im Kopf“ gnädig mit uns und hat uns keinen neuen Anfall beschert.

 

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