Wir haben eine aufregende Zeit hinter uns: Umbau eines Gebäudeteils mit richtiger Baustelle, Umzug des Büros in diesen neuen Teil und ein paar Tage Entspannung in Italien. Und wie sollte es anders sein: Charlie war immer mittendrin. Und er hat es gemeistert wie ein Profi!

Ich muss mir manchmal selber ins Gedächtnis rufen, dass Charlie blind ist. Denn er bewegt sich, als würde er sehen. Wir haben in unserem Unternehmen in den vergangenen Wochen einen Gebäudeteil umgebaut, in diesen unsere Büros umgezogen und damit verbunden vom Rohbauzustand bis hin zu einem wilden Gewusel diverser Gewerke von Handwerkern alles erlebt. Wann immer ich die Baustelle besichtigt habe, war Charlie dabei. Schließlich ist er hier der Bürohund und muss alles kontrollieren. Einmal habe ich versucht, ihn außen vor zu lassen, da hat er sich selber die Türe geöffnet um mir zu folgen. Hütetier mit Kontrollzwang eben.

Kleine Hilfestellungen

Damit Charlie sich nicht an herumliegenden Gegenständen, Ständerwerk vom Trockenbauer oder sonstigem verletzt, habe ich mir angewöhnt, diese kurz mit dem Fuß anzutippen und „Vorsicht“ zu murmeln. Das geht sehr unauffällig und quasi im Vorbeigehen. Charlie hat dadurch das Hindernis wahrgenommen und konnte entsprechend ausweichen.

Außerdem bewegt er sich dann in einem leicht nach hinten versetzten „Fuß“ zu mir, seine Nase in meiner Kniekehle. So kann er meinen Bewegungen folgen und sich die neuen Wege erarbeiten.

Neue Freunde

Charlie ist und bleibt ein Charmeur. Unseren Elektriker kennt er schon länger und die beiden mögen sich sehr. So bekam Charlie bei jedem Baustellenbesuch einen persönlichen Empfang mit Begrüßung und Streicheleinheiten. Den Trockenbauer hingegen kannte er noch nicht. Einer der Mitarbeiter war sehr hundefreundlich, wollte Charlie aber nicht belästigen und streckte ihm deshalb immer nur auf Abstand die Hand entgegen. Anfangs habe ich diese Geste nicht bemerkt, doch beim zweiten Mal guckte der gute Mann total enttäuscht, dass Charlie nicht reagiert. Ich sprach ihn also an: „Charlie ist blind, sie müssen ihn ansprechen.“ Darauf bekam ich ein unverständiges Schulterzucken mit dem Hinweis „Ich verstehe kein Deutsch.“ Multilingual, wie ich unterwegs bin, habe ich dann auf Charlie gezeigt und mir beide Hände vor die Augen gehalten: „Nix sehen.“ Der Mann schaute mich an, als wäre ich ein Ufo, zeigte auf Charlie, hielt sich die Hände vor die Augen und lachte mich dann kopfschüttelnd aus. Er dachte, ich führe ihn an der Nase herum. Sein Vorarbeiter übersetzte dann und auch wenn ich kein Wort verstanden habe, so war die gefühlte Botschaft „Das kann nicht sein, der läuft hier doch seit Tagen herum ohne was kaputt zu machen.“

Letztendlich sprach der Handwerker Charlie an, Charlie ging zu ihm und die beiden hatten bis zur Fertigstellung des Gewerks eine Kuschel-Freundschaft. Cool, dass so viele Menschen Hunde mögen und Charlie so sehr davon profitiert, er freut sich nämlich über jede Ansprache und jeden Kontakt.

Alte Bekannte

Ein alter Bekannter ist unser Maler. Der leider durch eine Verzögerung erst seine Arbeiten fertigstellen konnte, als wir schon mitten im Umzug waren. Das war die eigentliche Challenge für Charlie: Bewegte Kartons und Möbel. Obwohl ich sein Kissen und auch einen Sessel direkt am Zielort aufgestellt hatte und Lis einfach bräsig den ganzen Tag dort verbrachte, musste Charlie ständig zu mir und den Kollegen kommen. Es langweilt ihn einfach zu Tode, stundenlang alleine im Körbchen zu liegen. Und so wuselte er den ganzen Tag bei uns herum.

Steckte seine Nase in Kartons, lenkte die Kollegen beim Aufbau der Möbel ab und kassierte eine Menge Streicheleinheiten und Leckerchen.

Am meisten freute er sich aber über Frank, den Maler. Dieser quatscht gerne mit Charlie, steht auf der Leiter, streicht die Wand, Charlie sitzt daneben und die beiden „unterhalten“ sich. Da geht mein Herz auf. Frank rappelte auch immer brav laut mit den Farbeimer, bevor er sie abstellte, damit Charlie den Standort verorten konnte. So schafften wir es mit gemeinsamer Wachsamkeit, dass Charlie am Ende des Tages nur ein klein wenig Farbe am Ohr hatte. Ein tolles Ergebnis und eine Fortsetzung der Bekanntschaft zwischen Frank und Charlie, denn die beiden kennen sich bereits von unserem privaten Umzug im vergangenen Jahr.

Eine kurze Reise

Zwischendurch waren wir (der Lieblingsmann, die Hunde und ich) ein paar Tage in Italien. Ich wollte gerne noch ein wenig Kraft für den Umzug tanken. In unserem Hotel war ich bereits mehrfach auch mit Charlie und Lis und die beiden sind dort bekannt und gerne gesehen. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie gut Charlie mit neuen Umgebungen zurechtkommt und sich orientiert. Freilauf, enge Gassen an der Leine, eine neue Position der Schlafplätze und des Wassernapfs – nichts bringt ihn aus der Fassung.

Einmal wäre er fast in den Pool gefallen, was damit zusammenhängt, dass Charlie bei jedem „Abgrund“ eine Stufe erwartet. In seiner Welt scheint es selbstverständlich, dass an einer Kante eine Stufe folgt. Er setzt also mutig die Pfote über die Kante und macht den Schritt. Und wenn ich dann mal nicht zu 100% aufpasse, erlebt Charlie die Konsequenzen. In diesem Fall eine nasse Pfote und einen kleinen Schrecken. Dummerweise hatte er so einen Einstieg in den Pool gefunden und ich musste von nun an darauf achten, dass er nicht eine Runde schwimmen geht.

Schlauer als manch Sehender

Ich gestehe: Ich bin begeistert von Charlie. Wie er sich bewegt, orientiert und sein Leben meistert. Ich schaue ihn an und staune. Über ihn, seine Lebensfreude und die Leichtigkeit in seinem Wesen.

Doch Anfang dieser Woche hat er etwas geschafft, das mein ganzen Büroteam zum Lachen gebracht hat: Der Bodenleger musste nach unserem Umzug ein kleines Stück in der Türschwelle mit Ausgleichsmasse aufarbeiten. Darauf durfte man ein paar Stunden nicht treten. Ich habe also Charlie das Hindernis mit Antippen „gezeigt“ und wir haben es geschafft, diese Stelle mehrfach zu passieren, ohne einen Pfotenabdruck zu hinterlassen.

Kurz vor Feierabend kam ein Mitarbeiter aus einer anderen Abteilung, übersah die Hinweise und trat mitten in die Masse hinein. Versank ein paar Zentimeter und machte ein Gesicht, das man nicht in Worte fassen kann! Das ganze Büro lachte laut und geriet völlig aus der Fassung, als einer der Jungs sagte „Wie blöd bist Du denn? Sogar der blinde Charlie ist da nicht hinein getreten!“

Ein schönes Beispiel, dass man nicht unbedingt sehen muss, um die Orientierung zu behalten.

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