Zu meinem Geburtstag bekam ich einen Anhänger mit einer Gravur, die unter anderem sagt: „Be brave when you are scared.“ Und nichts ist treffender im Moment. Lis‘ Zustand ist stabil, aber nicht gut. Es kommt mir so vor, als würden wir ihr beim Sterben zusehen. Und nicht wirklich helfen können. Das einzugestehen fällt mir schwer. Wir können es ihr leichter machen, aber mehr auch nicht. Sie ist alt, sie ist krank und ihre Freuden minimieren sich auf Fressen und Kuscheln. Ein Grund, weshalb ich derzeit so wenig schreibe. Alles, das wir erleben, wird von Lis‘ Zustand überschattet. Habe ich Spaß mit Charlie, liegt derweil Lis alleine zu Hause. Mache ich Unfug mit Charlie, steht Lis daneben, will mitmachen und kann es einfach nicht mehr. Einfachste Tricks führen dazu, dass sie das Gleichgewicht verliert und umfällt.

Die Leiden des Alters

Sehen wir der Tatsache ins Auge: Lis ist alt. Sie ist seit 2005 bei mir, wird also locker 15 Jahre alt sein. Ihre Knochen sind alt, ihre Zähne sind alt und die sehr wahrscheinliche Mangelernährung während ihrer Zeit als Straßenhund hat ihre Spuren hinterlassen. Es knirscht und kackt bei jeder Bewegung, fast vergessen sind die Erinnerungen an ihre Zeiten als „wilder Blitz“.

Im letzten Jahr hatte sie einen Schlaganfall, vor nicht allzu langer Zeit erneut einen heftigen Anfall, der epileptische Anfälle, Gleichgewichtsstörungen und Ticks zurück ließ. Trotz Medikamenten und Alternativer Tiermedizin hat Lis jeden Tag kleine Anfälle, die sich in Zähneklappern und Zuckungen der Muskeln äußern. Dann hat sie geistige Abwesenheiten, steht auf, schaut in die Luft und ist nicht ansprechbar. Auf manchen Spaziergängen bleibt sie stehen, schaut in den Himmel und scheint völlig vergessen zu haben, wer und wo sie ist. Unterbreche ich dieses Verhalten, erschrickt sie und braucht einen Moment, um wieder zu sich zu kommen. Als wäre sie dement.

Treten die Anfälle auf, kann es auch passieren, dass Lis aggressiv wird. Neulich hat sie mich während des Krallenschneidens ohne Vorwarnung gebissen. Nicht mit Absicht, aber so fest, dass es geblutet hat. Nachdem ich meinen Finger befreit hatte, war der Anfall noch nicht vorüber und Lis biss sich die Zunge blutig. Sie war so verkrampft, dass sie nicht anders konnte. Ich verstehe das und weiß, dass es sich nicht gegen mich richtet. Aber ich habe Sorge, dass sie beim nächsten Mal Charlie erwischt. Die Anfälle und Attacken kommen so unvermittelt, es bleibt eigentlich keine Zeit zum Reagieren.

Charlie verunsichert das. Er kann mit Lis in diesen Momenten nicht umgehen, tastet sich vorsichtig an sie heran, als wolle er ihr Beistand leisten, traut sich aber nicht. Und dann kommt er zu mir, stupst mich an und sucht Zuspruch. Bin ich im Nebenzimmer, hat sich dieses Verhalten von Charlie als perfekte Anfallswarnung bewährt. Wenn er mich nervös anstupsen kommt, ist was mit Lis.

Die (wenigen) Freuden

Es ist nicht alles schrecklich, das mit Lis zu tun hat. Sie hat durchaus helle Momente, ist häufig sehr verkuschelt und anlehnungsbedürftig. Sie hat eine wahnsinnige Freude am Fressen und deshalb haben wir einen Pakt geschlossen: Sie bekommt jeden Tag so leckere „Add-ons“, dass es sich immer wieder lohnt, aufzustehen. Wenn sie abends einschläft, kann sie sich auf das Futter am nächsten Tag freuen und so hangeln wir uns von Tag zu Tag. Mir ist klar, dass Lis nur passiv Teil dieses Paktes ist, aber vielleicht ahnt sie ja doch einen Zusammenhang zwischen Käse, Tortellini, Frischfleisch, Innereien und sonstigen Leckereien und dem täglichen Aufstehen. Vielleicht findet sie darin eine Motivation…

An besonders guten Tagen freut Lis sich einfach so. Da gibt es kurze Momente auf Spaziergängen, in denen sie strahlt und ein paar Meter durch die Sonne flitzt. Oder Charlie, der sie ärgert, spielerisch in die Schranken weist. Dann ist sie wieder ganz die alte.

Und es gibt Tage, an denen sie fordert, mit ins Büro gehen zu dürfen. An (leider) immer häufiger werdenden Tagen muss ich sie auffordern, mitzukommen. Zuhause auf dem Sofa bleiben wäre ihr lieber, in Ruhe den Tag verschlafen und sich ab und zu vom Lieblingsmann den Bauch kraulen lassen. Und dann gibt es diese Tage, an denen sie aufspringt, wenn ich meine Tasche packe. Sich an die Tür stellt und peinlichst darauf achtet, dass ich sie nicht vergesse. Sie verschläft dann zwar auch den Tag im Büro, ist aber immerhin in meiner Nähe.

Höhen und Tiefen

So ist mein Alltag im Moment von den Höhen und Tiefen, die Lis hat, geprägt. Wird sie morgens hustend wach und hat ganz graue Schleimhäute, weil der Kreislauf noch nicht will, bin ich den ganzen Tag in Sorge. Ein falsches Geräusch beim Atmen, und ich bekomme Angst, dass ihr Herz nicht mehr will. Lasse ich sie alleine zu Hause, weil ich mit Charlie laufen gehe, habe währenddessen Sorge, dass sie einen Anfall bekommt und danach ein schlechtes Gewissen, weil ich sie nicht mitgenommen habe.

Ich nehme an, all diese Sorgen kennen Menschen, die einen alten Hund haben oder hatten. Und trotzdem machen Sie mir das Herz schwer.

Be brave when you are scared

Könnte ich den ganzen Tag Trübsal blasen? Ja. Und doch kann ich es mir nicht erlauben. Charlie ist ja auch noch da, ich habe ein Leben und es kann sich einfach nicht immer alles um Lis drehen. Sie muss leider auch mal zurück stecken. Damit Charlie sich austoben kann, Freude und Aufmerksamkeit erlebt. Oder weil ich einen beruflichen Termin habe, den ich nicht ausfallen lassen kann, weil mein Hund sonderbar gehustet hat.

Also versuche ich stark zu sein. Es mir nicht anmerken zu lassen, wenn mein Herz vor Sorge weh tut. Nicht in Panik zu geraten, wenn sie beim Aufstehen hin fällt, sondern sie positiv zu bestärken. Jeden Tag aufs Neue so zu tun, als sei sie weiterhin mein Superheld und nicht ein alter kranker Hund. Mich zu freuen, wenn sie für ein paar Meter in einen langsamen Trab fällt und nicht vor Schmerzen oder Unlust schleicht.

Und ich mache „Deals“. Wenn sie bis Weihnachten durchhält, bekommt sie Lachs oder etwas ähnlich Fischiges, Verlockendes. Und dann denke ich: „Der Deal ist zu langfristig, so lange noch bis Weihnachten.“ Und kaufe ihr zum Trost Sprotten oder etwas Rinderhack, denn sie hat ja wieder eine Woche durchgehalten. So hangeln wir uns von Tag zu Tag und ich frage mich, ob es für Lis genaus so schwer ist, wie für mich.

Ich denke, Lis geht es den Umständen entsprechend gut. Sie kann meckern, schimpfen, Charlie in die Schranken weisen und wie ein junger Hund zum Napf flitzen. Andere Dinge klappen nicht mehr, das Liegen auf dem Sofa ist ihr nur noch mit „Aufstiegshilfe“ möglich. Aber es geht ihr nicht schlecht, sie leidet aus meiner Sicht nicht.

Und so verteidige ich sie gegen jeden Angriff auf ihr Leben. Tierärzte im Notdienst, die sie einschläfern wollen. Menschen, die fragen, ob es nicht an der Zeit für eine Erlösung wäre.

Das sind die Momente, in denen ich stark und tapfer bin. Ich bin sicher, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen. Zu wissen, wann es Lis keine Freude mehr bereitet und sie „die Schnauze voll“ hat. Und dann wird unser geliebter Tierarzt es auch wissen. Er kennt Lis von Anfang an. Und solange er ihr Chancen gibt, wird sie diese bekommen. Gegen alle Kritiker. Euthanasie ist ein Thema, sicherlich. Aber der richtige Zeitpunkt dafür auch. Und ich lasse mir von niemandem einreden, dass ich diesen nicht erkennen würde. Denn ich respektiere Lis. Gibt sie auf, verschaffe ich ihr Erlösung. Aber so lange sie nicht aufgibt, hat sie weiterhin ein Recht auf Leben.

Das sind die Momente, in denen ich mutig bin. Unter den Sorgen, den Tränen und der Wut auf ihre Anfälle ist der Mut, bis ans Ende ihres Lebens mit ihr zu gehen, auch wenn es nicht einfach ist.

 

 

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