Wir werden uns wiedersehen

Wir werden uns wiedersehen

Wir werden uns wiedersehen,
vielleicht nur um zu verstehen,
dass das Leben an sich,
manche Wunde aufbricht,
ob du’s glaubst oder nicht,
ich vergesse dich nie.

Nie.

Nie.

(Selig, Songtext von „Wir werden uns wiedersehen“, © Universal Music Publishing Group)

Ab heute, Samstag, 23.02.2019, wird alles anders sein. Ab sofort wird es nicht mehr heißen „Sandra mit Charlie und Lis“, sondern nur noch „Sandra und Charlie.“

Ich habe Lis heute morgen erlösen lassen. Es ging nicht mehr. So sehr ich an ihrem Leben gehangen habe, so sehr ich sie für immer an meiner Seite haben wollte, so sehr ich um jeden Tag gekämpft habe, so sehr ich mich an jeden Strohhalm geklammert habe… Lis hatte es verdient, dass ich meiner nicht enden wollenden Hoffnung ein Ende bereite.

Kaum lief sie mal für 30 Sekunden gut und lächelte in der Sonne, habe ich wieder an Wochen und Monate geglaubt. Kaum hatte sie eine paar gute Momente, habe ich mich wieder an ihr festgeklammert. Und sie hat für mich weiter gemacht. Unermüdlich.

Gestern Abend konnte sie nicht fressen, war von Schmerzen geplagt. Sie hatte seit Tagen motorische Ausfälle an der linken Hinterhand. Schleppte sich durch die Tage. Wollte nicht aufstehen. Nicht mit ins Büro gehen. Nicht spazieren gehen. Und immer, wenn ich sie gebeten habe, es doch zu tun, hat sie sich überwunden. Gestern Abend hat sie sich nicht vor der Küche platziert und auf gutes Essen gehofft, während wir kochten. Sie hat nicht ihren Anteil eingefordert.

Sie war so unfassbar stark

Lis war eine Kämpferin. Der Tötungsstation in Rumänien entkommen, ausgestattet mit einem unbändigen Lebenswillen. Dickköpfig. Mutig. Zielstrebig. Sie war clever und hat immer einen Weg gefunden, ihr Ziel zu erreichen. Hat Schubladen geöffnet, Reißverschlüsse am Rucksack aufgezogen und Leckerchen geklaut.

Lis ist keinem Kampf aus dem Weg gegangen. Rottweiler, Kangal und Schäferhunde scheiterten an ihrem Kampfgeist. Sie hat nie aufgegeben, wenn sie unten lag, hat sie noch versucht, die Kehle des Gegners zu erreichen. Das kostete sie auch mal ein Stück Ohr.

Von ihr habe ich gelernt: Auch wenn Du klein und zierlich bist, kannst Du ein Endgegner sein.

Sie hat Zeugen Jehovas vom Grundstück verjagt, ihre Grenzen, Ressourcen und mich gegen alles und jeden verteidigt.

Lis hat es mir nie leicht gemacht. Es war nicht leicht, sie zu mögen. Es war nicht leicht, mir ihr zu leben. Es war nicht leicht, sie zu erlösen. Sie war bis zu Ihrem Tod konsequent.

Ich habe sie wahnsinnig geliebt. Mein kleiner Höllenhund. Mein Löwenherz.

Sie wusste, wann es darauf ankommt

Lis wusste immer, wo ihre Grenzen in unserem gemeinsamen Leben lagen. Menschen, die wichtig sind, hat sie akzeptiert. Hunde, die uns begleitet haben, hat sie respektiert. Und Charlie hat sie angenommen. Als wäre es ihr klar gewesen, dass wir Charlie in unserem Leben brauchen. Von der ersten Sekunde an gehörte er dazu. Klar, sie hat ihn erzogen und auch mal gemobbt, wenn ich nicht aufmerksam war, sonst wäre sie nicht Lis gewesen. Aber sie hat ihn auch bemuttert, beschützt und verteidigt. Hat seine Kämpfe ausgefochten, ist dazwischen gegangen, wenn er angegriffen wurde und hat selbst im hohen Alter so manchem Rüden noch gezeigt, dass Charlie unter ihrem Schutz steht.

Sie hat mich zum Standesamt begleitet und während des Scheidungstermins im Auto gewartet. Sie war mit in der Schweiz, Italien, Holland, mit auf Dienstreisen und fast 14 volle Jahre an meiner Seite. Eine Glanzleistung, dass wir es so lange miteinander ausgehalten haben!

Manches mal hat sie meine Tränen getrocknet, mich angestupst, gewärmt und auf mich aufgepasst. Im Gegenzug habe ich zwei Kreuzband-OPs, eine vermutliche Vergiftung, das Vestibularsyndrom, mindestens einen Schlaganfall und die Epilepsie mit ihr durchgestanden. Allerdings neigte sie schon immer weniger zum „Leiden“ als ich, ihr Motto war „Zähne zusammenbeißen und durch!“.

Meine Königin

Lis war für mich ein besonderer Charakterhund. Unfassbar eigen. Schnell handelte sie sich den Spitznamen „Queen Elisabeth“ ein. Sie regierte mit straffer Hand und hatte ihr Reich im Griff. Und mit dem Alter und der Erfahrung wurde sie auch immer unantastbarer, sie hatte eine Ausstrahlung, die die meisten anderen Hunde auf Distanz hielt. Ein Hund, um den man lieber einen ehrfurchtsvollen Bogen machte. Der aber auch anderen Hunden seine Gnade zuteil werden ließ, dann durften Charlie (oder neulich auch Mo, der Jungspund einer Freundin) mit ihr auf einer Decke ruhen.

 

Lis war toll im Umgang mit Schwächeren. Kleine Kinder, alte Menschen – da war sie zart und sanft und liebevoll. Eine ganze Zeit lang waren wir als Besuchshunde-Team in einem Heim für Demenzkranke tätig, Lis hatte eine unfassbare Empathie und die Begabung, Kontakt herzustellen.

Die Tochter einer Freundin hatte panische Angst vor Hunden. Eine Tüten Gummibärchen später waren Lis und sie „per Du“. Natürlich wurden die Gummibärchen gerecht geteilt, zwei für Lis, eines für die Tochter. Aus den Gummibärchen erwuchs eine wirklich schöne Freundschaft zwischen den Beiden.

Und umgekehrt gab es Menschen, für die Lis sich nie erwärmen konnte. Über  ein Jahrzehnt hinweg nicht. Die sie konstant und konsequent ablehnte. Zum Staatsfeind erklärt hatte. Und ich Nachhinein hatte sie eigentlich immer recht behalten, wen sie doof fand, der erwies sich auch irgendwann als doof. Ich hätte vielleicht öfter auf sie hören sollen…

 

Der Höllenhund

Oft habe ich Lis Zerberus, Höllenhund oder Griesgram genannt. Immer liebevoll. Immer bewundernd. Bei ihr wusste man, woran man war. Sie hatte eine unfassbar deutliche Körpersprache, reagierte ebenso auf die Körpersprache ihres Umfeldes. Sie hat mich gelehrt, Menschen und Hunde zu lesen. Sie war nie gefügig, ließ sich nicht in Muster pressen. Man konnte an ihrem Gesicht ablesen, wie sie eine Situation empfand.

Wer sie kennenlernte, hasst oder liebte sie. Neutrale Positionen konnte man ihr gegenüber nicht einnehmen. In einem Moment verjagte sie Eindringlinge vom Grundstück, im nächsten lag sie auf meinem Bauch und schlummerte selig. Ich kann nicht zählen, wie viele Stunden sie auf meinem Bauch lag. Friedlich. Und ich kann nicht zählen, wie viele Stunden ihres Lebens sie damit verbrachte, Mensch und Tier anzuknurren und auf Distanz zu halten. Mindestens 1,5 Meter Abstand mussten sein, sonst lernte man Madame kennen.

Über die Jahre hinweg habe ich gelernt, ihre Individualdistanz zu lenken. Wir hatten ein tolles Leben ohne Stress. Ohne unnötige Sozialkontakte, ohne Zwänge und immer nach Lust und Laune. Lis brachte mir bei: Man muss sich nicht mit jedem abgeben. Man darf auch mal Kontakte meiden.

Der aktive Hund

Heute kann ich es selber kaum glauben, aber Lis war mal total aktiv und wissbegierig. Agility, Mantrailing, Tricktraining, wir waren wahnsinnig aktiv unterwegs und haben über Jahre hinweg tolle gemeinsame Aktivitäten geteilt. Sie liebte den Klicker und hatte einen aufgeregten Arbeitsmodus, der mich manchmal zur Verzweiflung getrieben hat. Eine schnelle Auffassungsgabe, die gestillt werden wollte gepaart mit einer Ungeduld, wenn mein Kommando-Aufbau zu viele Zwischenschritte für sie enthielt. Lis musste immer das Ziel sehen und den kürzesten Weg nehmen.

Außerdem war sie unfassbar kreativ. War ich nicht in der Lage, ihr zu vermitteln, was ich wollte, spulte sie alle ihre Fähigkeiten ab in der Hoffnung, damit das geforderte zu erfüllen. Brett- und Intelligenzspiele löste sie mit Bravour und Schnelligkeit, danach verlor sie das Interesse daran. Wollte sie in meiner Abwesenheit etwas haben, das auf dem Tisch lag, schob sie sich den Stuhl so zurecht, dass sie über diesen auf den Tisch gelangen konnte. Einmal erbeutete sie so eine Packung „mon cherie“. Sie fraß die gesamte Packung – die Pralinen wickelte sie vorher aus dem Papier aus, das blieb übrig – und hatte einen mächtigen Schwips.

Worte können es nicht beschreiben

So sehr ich es versuche, Worte werden Lis einfach nicht gerecht. Wer sie kannte, versteht mich vielleicht. Ihre Eigenheiten, ihre Charakterstärke und ihre Persönlichkeit zu beschreiben ist mir nicht möglich. Lis war ein Erlebnis. Das beste Erlebnis in meinem bisherigen Leben.

Vor Jahren habe ich mir „Lisbeth“ auf den linken Fuß tätowieren lassen. Ich wollte sie zu einer guten Zeit verewigen, ein Symbol für sie schaffen. Dieses Tattoo ist mit Lis zu dieser Zeit verknüpft. Eine gute Verknüpfung und heute die beste Erinnerung, die ich mir vorstellen kann. Meine Lisbeth.

Der Schlussstrich

Seit dem Schlaganfall und den darauf folgenden epileptischen Anfällen ging es stetig bergab. Ich klammerte mich an Lis fest, versuchte alles, ihr zu helfen. Wollte und konnte nicht loslassen. Fand immer wieder Hoffnung und Bestätigung. Sie hatte immer wieder gute Phasen. Phasen, in denen „meine alte Lis“ durchblitzte und sie nicht nur ein Schatten ihrer selbst war.

Wann immer es mir schlecht ging und ich wegen ihr weinte, trocknete sie meine Tränen. Stand auf und war nicht willens, meine Schwäche zu akzeptieren. Lis war immer ungeduldig mit mir, sie war spürbar genervt, wenn ich mich hängen ließ.

Die gestrige Nacht war furchtbar für mich. Dass Lis nicht mehr alleine fressen konnte, hat mir das Herz gebrochen. Fressen war schon immer ihr liebstes. Sie war ein Feinschmecker. Dass Fressen ihr Schmerzen bereitet, war furchtbar anzusehen.

Zeit, den Tatsachen ins Auge zu blicken. Mich zu fragen, wann Lis überhaupt noch gute Momente hatte. Wann sie schmerzfrei war in den vergangenen Wochen und Tagen. Ob es sinnvoll ist, sie weiter mit Medikamenten und Schmerzhemmern zu behandeln und alles hinaus zu zögern.

Ich machte eine Beschwerde-Liste. Schrieb auf, was Lis plagte. Und ich kann nur aufschreiben, was ich wahrnehme. Was sie zusätzlich empfunden haben mag, entzieht sich meiner Kenntnis. Innerhalb weniger Minuten hatte die Liste 20 Punkte. 20 Punkte, die Lis plagten, ihr Schmerzen bereiteten und ihr Leben beeinflußten.

Würde ein Dritter mir auch nur die Hälfte dieser Punkte aufzählen, würde ich ihn bitten, über eine Erlösung nachzudenken.

Ich musste mir einfach eingestehen, dass ich bei Lis nicht mehr objektiv war. Mein Verhalten, meine Entscheidungen: beeinflußt von einer egoistischen Liebe. Ich konnte nicht loslassen und habe Lis nicht gehen lassen. Sie vielleicht einen Moment zu lange leiden lassen.

Lis Herz war bis zum Schluss stark und gesund.

Mein warmherziger und liebevoller Tierarzt begleitet Lis von Anbeginn an und heute war der Moment gekommen, in dem er zum ersten Mal sagte, dass er sie nicht länger leiden lassen wolle. Er las meine Liste, untersuchte Lis und stimmte meinem heimlichen Entschluss zu: Sie länger leiden zu lassen wäre falsch.

Ich hatte den Eindruck, sie war erleichtert. Sie war nicht nervös beim Tierarzt, nicht aufgeregt. Und trotzdem tut es wahnsinnig weh. Ich will immer noch nicht loslassen. Kann es nicht fassen.

Sie bekam die Narkose auf meinem Schoß und die Spritze ins Herz in meinen Armen. Ich blieb über den letzten Atemzug hinaus und habe ihr Fell nass geheult.

Charlie holte ich später aus dem Auto dazu, ich wollte, dass er Abschied nehmen kann. Wir gingen in das Zimmer, in dem Lis lag, ich nahm sie ein letztes Mal in die Arme und legte sie auf den Boden. Charlie ging zu ihr, roch an ihrem Gesicht – nur ganz kurz, gefühlt unter drei Sekunden, drehte sich ab und kam zu mir. Zwängte seinen Kopf unter meinen Arm, hielt kurz inne, stupste mich an und wollte gehen. Es machten den Eindruck, als wäre es für ihn die logische Konsequenz gewesen. Ich bin sicher, er trauert, aber ich bin auch sicher, dass es für ihn keine Überraschung war.

Vielleicht hat Charlie gespürt, was ich nicht zulassen wollte: Dass Lis gelitten hat, dass ihre Zeit gekommen war.

Jetzt, ein paar Stunden später, bin ich sehr traurig. Sehr traurig. Und trotzdem überzeugt davon, dass es der richtige Zeitpunkt war. Dass ich ihr Leiden nicht mehr hätte verlängern dürfen.

Sie fehlt mir. Jetzt schon. Sie wird mir in Zukunft fehlen. Ein Leben ohne Lis ist derzeit für mich schwer vorstellbar und ich habe keine Idee, wie Charlie und ich uns entwickeln werden. So ganz ohne unseren Aufpasser und Beschützer.

Vorhin waren wir alleine am Rhein, die erste Runde ohne Lis. Und haben am Strand in der Sonne gesessen. Dem Rauschen der Wellen gelauscht. Und ich habe geheult. Jämmerlich. Bis es Charlie zu viel wurde und er mich angebellt hat. Damit ich endlich aufstehe und weitergehe. Mit ihm. Vielleicht entwickelt er sich ja zum Aufpasser.

 

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Eine Antwort

  1. […] und ich lebten seit 2004 zusammen. Was Sie mir bedeutet hat, kann ich kaum formulieren, ihr Nachruf gibt vielleicht einen Hinweis […]

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