Lis ist seit über zwei Wochen nicht mehr bei uns. Eine traurige, aber auch interessante Zeit. Charlie zu beobachten, wie er sich als Einzelhund verhält, wie er mit mir umgeht und sich alles verändert – das lenkt mich auch ab.

Lis war eine Naturgewalt

Lis war immer anspruchsvoll, fordernd. Anfangs brachte sie ihr großes Paket Probleme aus Rumänien mit, zum Ende hin war sie gesundheitlich so angeschlagen, dass es immer irgendeine Baustelle gab. Sie hat uns Zeit ihres Lebens auf Trab gehalten. (Und das meine ich überhaupt nicht negativ.)

Ich habe von Lis wahnsinnig viel gelernt, sie war ein Radar für das Verhalten anderer Hunde. Einen Dominanzbolzen erkannte sie 100 m gegen den Wind an der Wölbung der Brust, an ihr konnte ich ablesen, ob unser Gegenüber es ernst meinte oder eher der Typ „dicke Hose“ war.

Genauso gut war ihr Radar für Menschen. Wenn ich mit ihr in der Dunkelheit unterwegs war, habe ich nur Angst bekommen, wenn Lis anfing zu knurren. Sie entschied für mich, ob der Mann ohne Hund auf der Wiese eine potentielle Gefahr darstellte oder nicht. Blieb sie entspannt, blieb ich es auch.

Gab es Ärger oder Charlie und ich mussten verteidigt werden, war Lis mit vollem Einsatz dabei. Sie fegte Gegner nieder wie eine Sturmflut und ihr Grollen war einem Gewitter in der Teufelsschlucht ebenbürtig.

 

Lis bedeutete auch Stress

Mit Lis zu leben bedeutete auch Stress. Ich musste immer vorausschauend agieren, potentielle Feinde vor ihr sehen, ihr Gemüt kühlen und versuchen, Konflikte zu vermeiden. Das gelang mir nicht immer, aber ich hatte eine gute Erfolgsquote.

Lis war als waschechter Straßenköter eine Fressmaschine. Nichts war vor ihr sicher, sie öffnete Schubladen und fraß alles, was sie erwischen konnte. Was mich zwang, bei Spaziergängen noch aufmerksamer zu sein.

Bekamen wir Besuch, musste ich managen. Die Türe öffnen, Lis in Schach halten, Charlie vermitteln, dass Lis‘ Meinung nicht relevant ist und er nett zu Besuch sein darf.

In all den Jahren habe ich mich daran gewöhnt, mich mit Lis und ihrem Verhalten zu arrangieren ohne wirklich zu merken, wie anstrengend das manchmal war.

 

Die Einkehr der Ruhe

Auffällig ist die Ruhe, die seit Lis‘ Tod herrscht. Es gibt keinen Stress und Tumult, wenn ich die Fütterungszeit mal um ein paar Minuten verfehle. Menschen klingeln bei uns und werden nicht sofort wieder zum Teufel gejagt. Wir gehen spazieren und niemand knurrt „auffällige“ Hunde oder Menschen an. Niemand kläfft vom Balkon herab, wenn die Nachbarin durch den Garten läuft.

Diese Ruhe fühlt sich seltsam an. Lis Verhalten war nicht immer das eines Vorzeigehundes, aber ich habe sie geliebt. Ich habe mich sicher an ihrer Seite gefühlt. Hörte ich nachts Geräusche, blieb ich entspannt, wenn Lis es war. Selbst als sie taub wurde, habe ich mich darauf verlassen. Sie war mein Gefahrenwarner, meine Löwin, die uns beschützte.

 

Die Auswirkungen auf Charlie

Schon am Tag von Lis Tod war Charlie ungewöhnlich entspannt. Er nahm den Tod zur Kenntnis und war sofort wieder im „Hier und Jetzt“. Spazierte, tollte, kuschelte, tröstete mich, fraß.

Und diese Entspannung steigerte sich kontinuierlich. Er bleibt liegen, wenn ich den Raum verlasse und ihn nicht zum mitgehen auffordere. Ist zu den Futterzeiten nicht mehr unruhig, sondern wartet, bis ich das Futter fertig zubereitet habe. Er freut sich über Besuch, ist aber nicht mehr hektisch und unsicher. Er ist auf Spaziergängen weniger nervös und deutlich souveräner bei Hundebegegnungen, weil er sein Ding machen kann und nicht von Lis beeinflusst wird.

Und das Beste: Er frisst total entspannt und größere Portionen. Er hat sogar schon sichtbar etwas zugelegt! Ich habe Lis und Charlie während des Fressens immer überwacht. Aber Lis „the machine“ war einfach immer schneller fertig als Charlie. Und dann stand sie in der Gegend rum. Ganz harmlos, natürlich. Dieses Herumstehen hat Charlie aber gestresst, so dass er häufig nicht alles aufgefressen hat. Da seine Portion über Fütterungsempfehlung lag, habe ich diese dann einfach reduziert. Er hat dann genau nach Empfehlung gefuttert, aber keine Reserven angesetzt.

Nun hat Charlie alle Zeit der Welt, sein Futter zu verputzen. Und das nimmt er in Anspruch. Er frisst spürbar einige Minuten länger und sogar größere Portionen. Mir war nicht bewusst, wie sehr Lis Verhalten ihn auch hier beeinflusst hat.

 

Charlie wird erwachsen

Natürlich habe ich meine Beobachtungen an Charlie in Frage gestellt. Rede ich mir vielleicht alles schön und er leidet unter Lis Verlust? Ich möchte ihm seine Trauer nicht absprechen, aber ich denke, dass er in vielen Punkten einfach befreit ist.

Und diese Wahrnehmung wurde mir zum Glück auch von außen bestätigt. Das erste Mal nach einem langen Besuch bei Carolin, meiner Freundin und Alternativen Tiermedizinerin. Sie empfand Charlie ebenso als entspannt, locker und bester Stimmung.

Und der nächste Aha-Effekt stellte sich am vergangenen Wochenende ein, als wir The Pell-Mell Pack besucht haben. Stephie kennt Charlie nun auch schon länger und hat ihn in vielen verschiedenen Situationen erlebt. Aber dass er den Raum (ohne mich!) verlässt und in ein Nebenzimmer geht, hat auch sie noch nicht erlebt. Charlie war früher immer dort, wo ich mich aufhielt. An diesem Wochenende hat er bei Stephie einfach auch mal sein Ding gemacht. Ich war in der Küche, er im Wohnzimmer. Ich war im Esszimmer, er im Flur. Völlig selbstverständlich und trotzdem auffällig. Denn bei unserem letzten Besuch unterbrach er sogar sein Toben mit Enki um mich zu begleiten, als ich kurz auf die Toilette ging. Ein bemerkenswerter Unterschied! Stephie meinte, er werde erwachsen.

Auch in der Interaktion mit anderen Hunden war er souveräner. Samstag waren wir mit Stephie, Enki und Kane bei einem Junghundetreffen als Gäste dabei. Unbeeinflusst von Lis konnte Charlie seine ganz eigene Strategie in der Gruppe entwickeln, ich habe ihn selten so selbstsicher gesehen.

 

Vor- und Nachteile

Hey, die Zeit mit Lis war großartig und ich hätte gerne noch um mindestens 10 Jahre verlängert! Aber realistisch betrachtet war nicht alles „eitel Sonnenschein“ und wie sehr sich das Leben ohne sie ändert, erleben Charlie und ich gerade. Natürlich vermisse ich sie wie wahnsinnig, aber das ändert ja nichts. Sie ist nicht mehr bei uns. Also konzentrieren wir uns auf uns und nehmen das Leben, wie es kommt. Und für Charlie und mich ergibt sich gerade die Möglichkeit, uns als Team nochmal zu verändern, die neue Ruhe und Entspannung zu genießen und auszubauen. Wir entwickeln neues Potential und ich bin wahnsinnig gespannt auf die nächsten Wochen und Monate. Ich denke, dieses Gefühl darf ich mir neben dem Vermissen erlauben….

 

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