Der „einfachste“ Hund, den ich je hatte

Der „einfachste“ Hund, den ich je hatte

Über 3 Wochen sind Charlie und ich nun ohne Lis. Eine erkenntnisreiche Zeit, vor Allem, was Charlies Verhalten und sein Wesen angeht. Unser gemeinsames Leben ist so entspannt, wie ich es mir nur wünschen kann, er ist leichtführig, unkompliziert und total zugewandt. Obwohl Charlie blind ist, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Hund ohne „Baustellen“.

Vom wilden Boxer bis zum rüpeligen Schäferhund

An den ersten Hund in meinem Leben habe ich nur wenige (schöne) Erinnerungen. Ein Boxer namens Bastian. Ich durfte alles bei ihm. Sogar sein Futter aus dem Napf klauen. Leider starb er, als ich dreieinhalb/vier Jahre alt war und weitere Erinnerungen an sein Wesen und Verhalten habe ich keine.

Der zweite Hund war ebenfalls ein Boxer, Uncas von Löwenherz. Eine Granate. Leider kam bei ihm die Erziehung etwas zu kurz, es gab ihn wohl nur in unserem Haushalt, weil ich unbedingt wieder einen Hund wollte. Mein Vater konnte ihn nicht richtig leiden, meine Mutter hatte mich und meinen neugeborenen Bruder zu versorgen. Seine Ohren waren vom Züchter kupiert worden (das machte man damals noch so) und er hatte monatelang Entzündungen und musste ständig versorgt werden.

An Uncas habe ich deutliche Erinnerungen: Wie er in Abwesenheit meiner Eltern – meine Oma passte auf uns auf – auf dem Tisch stand und das ganze Abendessen verschlang. Wie er eine komplette Packung Schweizer Pralinen inklusive Verpackung fraß. Wie er im Sprung im Stacheldraht hängen blieb, darin einen Teil seiner Genitalien verlor und uns fast verblutet wäre. Wie er von diesem Zeitpunkt an das Urinieren nicht mehr kontrollieren konnte. Wie er trotz allem mein bester Freund war und auch mich aufgepasst hat. Je älter ich wurde, desto besser kam ich mit Uncas zurecht. Spaziergänge bei Wind und Wetter mit ihm. Nur er und ich. Zwei Verbündete. Spiele im Garten, Abenteuer am Bach.

Ich habe Uncas heiß und innig geliebt, auch wenn er unerzogen war und nur sporadisch auf mich gehört hat – wenn er überhaupt auf jemanden gehört hat. Leider starb Uncas in meinen Augen viel zu früh als ich in die Pubertät kam, ich hätte gerne mehr Zeit mit ihm gehabt, denn trotz aller Baustellen war er ein richtig feiner Kerl.

Darauf folgte Paco von Arlett, ein deutscher Schäferhund mit langem Stockhaar (genetischer Fehler). Hier wollte ich alles richtig machen und für die Erziehung sorgen, die ich Uncas nicht geben konnte, weil ich zu jung war. Ich wollte motiviert mit ihm auf den Schäferhundeplatz, so wie es sich gehört. 😉

Leider war ich noch nicht volljährig, der Hund hatte lange Haare und ich war halt ein Mädchen und somit waren wir auf dem Platz nicht wirklich willkommen. Platz 1 nahm uns erst überhaupt nicht, Platz 2 wollte den Hund lieber von jemand anderem trainieren lassen. Also erzog ich Paco nach bestem Wissen und Gewissen selber. Ich hatte Glück, dass Paco bei meinem Vater besser gelitten war und fand hier Unterstützung. So genoss Paco eine wirklich gute Grunderziehung, war unkastriert und lenkbar schutztriebig. Die „Baustellen“ bei ihm waren dominantes Verhalten anderen Hunden gegenüber sowie seine Gesundheit. (Er hatte von Anfang an Probleme mit der Hüfte, wie viele Deutsche Schäferhunde.)

Paco geriet regelmäßig in Raufereien, Spaziergänge mit ihm waren besonders in seiner Pubertät immer mal wieder anstrengend. Selbst wenn ich ihn an der Leine führte, gab es häufig Ärger. An meinem Elternhaus ist eine große Freilauffläche, dort ließ und lässt man seine Hunde laufen und lebt nach dem Motto „Die regeln das unter sich!“. Ich kann nicht zählen, wie oft mein angeleinter Hund sich gegen freilaufende Rüpel wehren musste. Irgendwann ließ ich ihn dann auch einfach von der Leine und das „selber regeln“. Schon nach kurzer Zeit hatten wir unseren „Ruf weg“ und die Idioten wichen uns aus. Dazu muss ich erwähnen, dass Paco niemals einen anderen Hund verletzt hat. Er hat gerauft und sich geprügelt, aber immer ohne zu beißen, da agierte er sauber.

 

Und dann kam Lis

Kurz bevor Paco starb (er blieb nach meinem Auszug zu meinem Leidwesen bei meinen Eltern), holte ich Lis zu mir. Paco und Lis mochten und respektierten sich aufrichtig und wir gingen jeden Mittag zusammen spazieren. Eine schöne Zeit.

Lis‘ Baustellen kennt der geneigte Leser meiner Beiträge, weshalb ich diese nur kurz umreißen werde.

Sie hatte, als sie aus der Tötung in Rumänien zu mir kam, panische Angst vor allem: Männern, Frauen, Geräuschen, Ansprache, die Liste ist lang. Das Leben mit Lis war immer ein Leben mit einem schwierigen Hund. Unser Alltag war geprägt von ihren Eigenheiten, ich war gewillt, diese zu managen und zu lieben. Ich habe Lis niemals als Belastung empfunden und würde jeden Schritt wieder genauso mit ihr gehen. Ich möchte keine Sekunde missen und vermisse sie wahnsinnig.

Lis‘ Tod hat eine große Lücke hinterlassen. Ich fühle mich manchmal unvollständig und besonders ihr Schutztrieb, ihre Anhänglichkeit und ihr großes Herz fehlen mir.

Und heute?

Charlie erweist sich trotz Blindheit als der erste Hund in meinem Leben, der keine große Baustelle hat. Er hat ein solides Sozialverhalten, zeigt ganz selten Aggression, ist leichtführig und sanft.

Es kommt mir vor, als würden wir durchs Leben schweben! Ich war es bisher schon gewohnt, mit den Hunden leise zu sprechen. Kommandos, Anweisungen, alles immer eher zu leise als zu laut. Lis bekam im Alter passende Handzeichen dazu, weil sie nichts mehr hörte. Aber mit Charlie alleine ist es noch leiser geworden. Weil ich ihn nur laut rufen muss, wenn er mit seinen Kumpels durch die Gegen tobt. Ansonsten reicht meine leise Stimme aus und vieles macht Charlie schon von sich aus, so dass ich nichts mehr sagen muss. Er bleibt vor der Türe stehen, damit ich ihn abtrocknen kann. Legt sich von sich aus ab, bettelt nicht bei Tisch, braucht kaum Anweisungen im Alltag. Hätte ich keinen Gesprächsbedarf, wäre es sehr häufig still bei uns.

Das Navigieren Zuhause und im Büro klappt ohne Hilfe, auf unseren bekannten Runden braucht er meine Hilfe auch nicht. So gehen wir in stillschweigendem Einverständnis durch den Tag und haben nichts, dass wir akut bearbeiten müssen. Wir laufen, spielen, tricksen, kuscheln und haben nicht ein Problem.

Wirklich kein Problem?

Ehrlich, wir haben kein Problem. Denn Charlies Erblindung ist auch keines. Würde ich es nicht ab und an erwähnen oder die Leute seine grünlichen Augen bemerken, würde es niemandem auffallen, dass er blind ist. Er ist selbstsicher, selbstständig und ein lebhafter, vergnügter Hund. Selbst die Tierärztin einer Freundin sah Charlie im Freilauf und hat nicht bemerkt, dass er nichts sieht.

Ich lehnte mich vergangenes Wochenende nach einer kleinen Übungseinheit im Wohnzimmer zurück und seufzte. Der Lieblingsmann sah mich fragend an. „Charlie ist der leichteste Hund, den ich je hatte!“ war meine Reaktion. Ich hatte nämlich angefangen, meinem blinden Hund beizubringen, eine Acht durch meine Beine zu laufen. Was man eben so macht, wenn man keine Baustellen zu bearbeiten hat und der Hund arbeitswillig ist. Und ich war so stolz auf den kleinen Kerl!

Charlie zeigt mir jeden Tag aufs Neue, dass eine Erblindung kein Handicap sein muss und wie entspannt das Leben an seiner Seite ist. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar.

 

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