Wir haben uns in den Wahnsinn von Camp Canis gestürzt! Ich erkältet, nicht fit, Charlie gut gelaunt und ahnungslos. Schon beim Aufstehen morgens kamen Zweifel: Es war kalt, ich hatte nicht gut geschlafen und hustete mir die Seele aus dem Leib. Außerdem bekam ich kurzfristig doch Zweifel, ob ich in der Lage wäre, meinen Blindfisch unverletzt durch den Parcours zu lotsen.

Vet-Check und Warten

Aufgeben ist für mich keine Option, also fuhren wir von der Ferienwohnung aus pünktlich nach Hoope und brachten den Check-in hinter uns

Während des Check-ins wurde ein schneller Vet-Check (Impfungen und Gangbild) gemacht und dann hieß es warten. Über eine Stunde hatten wir noch Zeit und verbrachten diese auf dem Gelände.

So viele Hunde!

Anfangs war Charlie total aus dem Häuschen. Am liebsten wollte er jeden Hund persönlich begrüßen. Toben, spielen – er war kaum zu bremsen. Jede Bewegung um uns herum war spannend und er fand anfangs überhaupt keine Ruhe. Er setzte sich zwar hin, aber stand total unter Spannung. Die Ohren gingen von rechts nach links, die Schnauze leicht hechelnd geöffnet.

Die erste Spannung fiel von ihm ab, als wir Buddy von buddyschreibt trafen. Endlich ein Kumpel, den er begrüßen konnte.

Kurz danach trafen wir auch Enki von The PellMell Pack, der in einem Team vor uns lief und auch hier war natürlich die Freude groß!

Zur Ruhe kam Charlie, als ich mir einen Kaffee gönnte und mich auf eine Bank setzte. Das funktioniert bei ihm fast immer. Sobald ich mich setze, wird auch er ruhiger. Stehe ich, kann er nicht entspannen. Sitze ich, ist seine Welt in Ordnung.

Mein Husten war im Laufe des Morgens so schlimm geworden, dass mir der ein oder andere empfahl, nicht zu starten. Doch erstens hatte ich meinem Team zugesagt, zweitens ist Aufgeben keine Option.

 

An der Startlinie

Endlich waren wir zur Aufstellung gerufen und machten uns bereit! Leichtes Aufwärmen, starkes Husten, große Nervosität. Charlie gab schon beim Aufwärmen im Zuggeschirr so viel Gas, dass mir Angst und Bange wurde. Er hat definitiv ein anderes Tempo als ich und meine Sorge, dass er mich durch den Parcours schleifen würde, wuchs. Die gesamte Atmosphäre schien ihn zu motivieren, mit anderen Hunden zu laufen, der Sand auf der Strecke, die Musik, dies alles führte dazu, dass Charlie sich aufführte wie ein Turnierpferd.

Endlich ging es los. Eine kurze Vorstellung unseres Teams „Handicap Hounds“ durch die Moderatoren, ein schneller Abriss der Handicaps der vier Hunde und schon wurde herunter gezählt. Ich hielt Charlie am Start noch etwas zurück und ließ die anderen vorlaufen, in der Hoffnung, dass Charlie sich jemanden als „Leithammel“ aussuchen würde und ich mir so etwas Navigationsarbeit sparen würde. Und es kam wie erhofft: Kerstin und Buddy waren das Team seiner Wahl und er klemmte sich bei Kerstin im wahrsten Sinne des Wortes an die Wade.

Die Hindernisse

Ich glaube, ich habe in der Aufregung des Laufes nicht alle Hindernisse in Erinnerung behalten, also verzeiht, falls ich nicht alle erwähne und die Reihenfolge nicht stimmt.

Anfangs mussten wir abwechselnd durch einen Tunnel aus Heuballen kriechen, dann über Heuballen klettern bzw. springen und dann wieder in den Tunnel. Schon nach diesen wenigen Sekunden war klar: Ich muss in den Sand und in die Matsche! Auf den Knien mit Charlie durch den Tunnel klappte super, auf die Heuballen sprang er mit meiner Hilfe auch ohne Probleme. Dazu klopfte ich auf die Ballen, damit er die Höhe einschätzen konnte und am Ende des Ballens sagte ich „Ab!“, damit er wusste, es geht wieder nach unten.

Nach den Ballen ging es direkt nach oben in den Wald weg. Dort erwarteten uns schmale Pfade, natürliche und geplante Hindernisse. Charlie zog wie ein wilder und blieb einfach an Kerstin dran, so dass ich wenig Anweisungen die Richtung betreffen geben musste. Ich warnte nur vor Hindernissen und achtete auf unser Tempo.

 

Hängematten & Brücken

Die meisten Hindernisse im Wald waren entweder Brücken bzw. schmale Stege, die überquert werden mussten. Bis auf eine Brücke klappte alles problemlos, bei dieser Brücke aus einem Metallgitter blieb Charlie in der Mitte stehen und ging nicht weiter. Ich klemmte ihn mir also kurz unter den Arm und trug ihn den Rest bis zur anderen Seite.

Bei den Hängematten-Hindernissen mussten Hund und Mensch durch die Hängematten auf die andere Seite kommen. Charlie ließ sich von mir gut in die Matte lotsen, fand dann das Wackeln richtig bescheuert und wollte umgehend wieder aus der Matte heraus. Also habe ich mich einfach beeilt, damit er nicht lange auf mich warten muss und so haben wir auch diese Hindernisse geschafft.

Dann gab es noch zwei „Hängebrücken“, die zwischen Bäumen montiert waren. Über die erste mussten die Hunde laufen, über die zweite die Menschen. Auch hier war Charlie durch das Wackeln total irritiert und nach der Hälfte habe ich ihn erlöst und aussteigen lassen. Das war zu stressig für ihn.

 

Der Steilhang

Das erste Hindernis, bei dem ich Angst hatte, war der Steilhang. Wir Menschen mussten uns nach unten abseilen, die Hunde dabei irgendwie mitnehmen. Das erste Stück des Hangs war sehr steil, der Rest für mich „ok“. Ich beschloss, Charlie oben warten zu lassen, bis ich das erste Stück hinter mich gebracht hatte. Dort stand ich dann einigermaßen sicher und konnte Charlie Schritt für Schritt zu mir lotsen.

Es ist unfassbar, wie sehr er sich in solchen Situationen auf mich verlässt. Er befolgt alle meine Anweisungen, von „langsam“ bis „vorsichtig“ über „komm zu mir“. Er ging das erste steile Stück so sehr sicher und kam gesund an meiner Seite an. Der Rest des Hangs war dann nicht mehr so steil, also für uns fast schon entspannt.

 

Wasserhindernisse

Natürlich gab es auch eine Menge Wasserhindernisse: Eine kleine Rutsche in ein Schlammbad, ein Tümpel, den man unter einer gespannten Plane durchqueren musste, immer wieder Schlammbäder, die durchquert werden wollten, Boote, die eine Brücke auf die andere Seite des Sees bildeten, es war matschig und eklig.

Aber Charlie hatte die Freude seines Lebens und strahlte richtig! Jeder beherzte Sprung in die Matsche mit mir gemeinsam schien ihm richtig zu gefallen.

Und auch hier zog er wirklich wie ein Wilder! Ich machte mir das zur Nutze und feuerte ihn immer am Ende der Schlammbäder an, so dass er mich regelrecht aus diesen hinaus zog. So half er mir aus jeder dieser Suhlen hinaus, ohne dass ich fiel. Man mag es kaum glauben, aber mein T-Shirt war bis zum vorletzten Hindernis weiß und wies nur wenige kleine Matschspritzer auf.

 

Bergauf und bergab

Der Parcours war wirklich toll angelegt und es ging immer wieder nach oben und nach unten. Viele Hügel, Hänge, Unebenheiten – all das hätte ich niemals vorab trainieren können. Es gab einen Hang, an dem sollten wir Menschen uns mit Hilfe eines Seiles nach oben begeben, doch da Charlie so stark zog wie nie, entschied ich mich für volles Risiko: Ich ließ das Seil liegen und verließ mich nur auf Charlie. Der mich nicht enttäuschte und mich innerhalb kürzester Zeit nach oben zog. Toller Kerl!

Auf den Lauf-Strecken zog Charlie mit einer Konstanz, die ich so noch nicht am ihm erlebt habe. Das gemeinsame Laufen in der Gruppe trieb ihn regelrecht an und die Kommandos die ich gab setzte er um, bevor ich sie zu Ende gesprochen hatte.

 

Stolz wie bolle

Man stelle sich vor: Nasse Hose, nasse Schuhe und Socken, nasse Unterwäsche, Matsch und Lehm an den Beinen und überall, die Feuchtigkeit und der Dreck haben Besitz vom Körper ergriffen.

Für mich vor ein paar Tagen noch unvorstellbar. Ein nicht tragbarer Zustand.

Und trotzdem geht das Strahlen nicht aus dem Gesicht.

Charlie zieht und läuft und schwimmt, als gäbe es kein Morgen!

Immer wieder nimmt er bei den Hindernissen Kontakt zu mir auf, stupst mich an, schaut zu mir. Und sieht dabei aus, als wäre er total in seinem Element!

Wir sind über die Leine untrennbar miteinander verbunden, er im Geschirr, ich im Laufgürtel. Wir laufen gemeinsam, nehmen jedes Hindernis und ich habe das Gefühl, dieses Erlebnis hat unsere Beziehung verändert.

Tobte er bisher mit Kumpels durch den Matsch, so habe ich das jetzt mit ihm gemeinsam erlebt.

Er hat die Verantwortung für uns perfekt übernommen, toll gezogen und einen guten Job gemacht.

Und ich habe ihn nach Möglichkeiten unterstützt und ihm die Infos gegeben, damit er seinen Job machen kann.

Eine völlig neue Erfahrung für uns, mir war nicht klar, wie sehr sich das Laufen im Wettkampf von unserem Training unterscheidet und wie anders sich das alles anfühlt!

Jetzt ist auch alles egal

Mit einem (fast) weißen Shirt kam ich zur großen Rutsche. Ich klemmte mir Charlie auf den Schoß und wir rutschten los! Er blieb in meinem Arm und sprang erst ab, als ich unten angekommen den Griff lockerte. Und weil er es eilig hatte, zog er auch gleich wieder an und mich auf die Beine. Ok, der Hund führt!

Voller Euphorie liefen wir zum letzten Hindernis und ich wollte nur noch eins: NICHT DA REIN!

Ich wäre gerne den ganzen Parcours wieder zurück gelaufen, inklusive aller Hindernisse, aber in dieses letzten wollte ich einfach nicht einsteigen.

Hüfttiefes, lehmiges, sandiges und kaltes Wasser.

Jeder Schritt fiel mir schwer, jedes Bewegen der Beine war mit einem saugenden Schlürfen des Lehms verbunden. So muss sich jemand fühlen, der im Moor versinkt. Widerlich. Kräfteraubend.

Charlie hatte leichtfüßig einen Weg am Rand gefunden, auf dem er nicht einsank. Leider war dieser zu schmal für mich, so fass ich keine Alternative hatte.

Ich dachte kurz daran, mich einfach fallen zu lassen und zu ertrinken.

Zog das Bein wieder ein Stück vor, verlor den Halt und fiel. Bäm. Wie ein Baum. Bis zur Brust in diesem Mist steckend. Ich habe wirklich alles und jeden verflucht in diesem Matsch!

Und doch habe ich es irgendwie geschafft, wieder da hinaus zu kommen und das Ziel zu erreichen. Nass, dreckig und glücklich!

Würde ich das wieder tun?

Nein, natürlich nicht! Es war eklig. Nass. Dreckig. Ich hatte gefühlte 2 kg Schlamm in den Schuhen und am Körper. Sand an den unmöglichsten Stellen meines Körpers. Ich zitterte wie Espenlaub und wollte nur noch weinend ins Bett.

Und dann sah ich Charlie an: Nass, dreckig, glücklich. Der mich ansprang, liebkoste und total begeistert war. Der mit all seiner Freude ausdrückte: Nochmal!

Also werden wir es wieder tun.

Ich laufe nicht für mich, dazu bin ich zu bequem. Ich mache keinen Sport, dazu bin ich zu faul. Aber Charlie hat unbeschreiblichen Spaß dabei und genießt es, mit mir zu laufen. Mich zu ziehen. Mit mir durch den Matsch zu toben.

Also werden wir weiter trainieren und im September in Wingst dabei sein.

Der blinde Hund wird wieder einen Canicross-Parcours laufen und mich zum Staunen bringen.

Er kann einfach alles!

Ich danke Charlie und natürlich meinem Team – Kerstin, Lelia und Christin – für dieses einmalige Erlebnis!

 

 

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