„Vorsicht! Stufe!“

„Vorsicht! Stufe!“

Ich kann mich selber nicht mehr hören, denn am Wochenende habe ich bei unseren Wanderungen gefühlte 500 Mal Charlie vor Stufen, Absätzen, Unebenheiten und Ähnlichem gewarnt. Wanderungen ab einem mittleren Schwierigkeitsgrad fordern uns beiden sehr viel Konzentration und Management ab und auf den in der Eifel gelaufenen Wegen habe ich gemerkt, dass meine Hilfestellungen für ihn noch ausbaufähig sind.

Die häufigsten Hilfestellungen

Die meisten Hilfestellungen erhält Charlie von mir über die Leine. Für mich ein absolutes Muss: Das Führen an der kurzen Leine in Gebieten mit Absturzgefahr.

Charlie hat kein Gespür für Abgründe, er vertraut darauf, dass nach jedem „Loch in der Luft“ auch wieder Boden kommt. Dass zwischen dem Loch und dem Boden manchmal eine große Distanz liegt, die man nicht mit einem Schritt überwinden kann, scheint ihm nicht klar zu sein. Ich bewundere dieses selbstverständliche Vertrauen, es birgt aber auch leider nicht einzuschätzende Gefahren. Also wird er überall dort, wo Abgründe sind, sehr kurz geführt und zwar immer auf der abgewandten Seite. Sicher ist sicher.

Über die Leine und somit sein Geschirr kann ich ihm vieles vermittelt: Richtungsinformationen über Antippen oder sanften Zug, ob der Weg breit oder schmal ist und ob er sich vor oder hinter mir halten muss. Halte ich die Leine straff und kurz, weiß er, dass wir einen Engpass passieren, auf dem er sich nah bei mir halten muss. Lasse ich die Leine eher locker und entspannt, hat er entsprechend mehr Raum, den er dann auch nutzt. Geht es bergab, halte ich die Leine hinter meine Hüfte und gehe leicht seitlich. So weiß Charlie, dass er sich hinter mir halten muss und durch die seitliche Körperstellung kann ich ihn zur Not mit dem Bein bremsen, falls er ins Rutschen gerät.

Wir haben so einige bewusste und auch unbewusste Strategien entwickelt, uns auch durch unwegsames Gelände zu bewegen.

Sprachliche Hilfe

Aus dem Alltag heraus haben wir Kommandos für uns gefunden, mit denen ich Charlie helfen kann, sich besser zu orientieren.

„Stopp“ ist für mich das absolute „Killer-Kommando“, das einfach perfekt sitzen muss. Nicht nur bei einem blinden Hund, wie ich finde. „Stopp“ bedeutet bei uns, dass Charlie nicht einen einzigen Schritt weiter nach vorne machen darf, denn dort befindet sich eine mehr oder weniger große Gefahr. Je nach Heftigkeit des „Stopp!“ gibt es zwei Varianten: Das „Stopp“ mit dem ich ihn vor nicht einsehbaren Stellen bremse, das ist eher sanft und er bewegt sich dann meistens zurück zu mir nachdem er kurz angehalten hat. Und das „Stopp!“ mit gefühlten fünf Ausrufezeichen, das sehr hart und kompromisslos ist. Dieses Kommando bringt Charlie dazu, sofort einzufrieren und auf mich an Ort und Stelle zu warten. Ursprünglich war diese stimmliche Abstufung nicht geplant, sie hat sich im Laufe der Zeit ergeben, weil ich es nicht auf die Reihe bekommen habe, einfach ein zweites Kommando wie „Halt“ für die sanfteren Situationen einzuführen. Aber Charlie versteht mich zum Glück auch so.

Das böse „Stopp“ haben wir am Wochenende auch eingesetzt und zwar in einer eigentlich total harmlosen Situation: Charlie war auf einem offenen Feld im Freilauf und bewegte sich ein paar Meter vor uns. Was er nicht sah: Vor ihm lag ein Ast auf dem Boden, dessen Zweige auf Augenhöhe in die Luft ragten. Ein Hindernis, dass aufgrund der geringen Fläche und Größe für Charlie nicht wahrnehmbar ist. Aber trotzdem gefährlich, denn ein trockener Zweig im Auge kann zu schlimmen Verletzungen führen. In der Sekunde, in der er sich auf diesen Ast zubewegte, riefen mein Freund und ich wie aus einem Mund: „Stopp!!!!!“ und Charlie hielt sofort an. Kurz vor dem Zweig, denn er war in lockerem Trab unterwegs. Es ist nichts passiert und Charlie blieb unverletzt. Ein kleiner, unbedeutender Moment, der mir aber zeigt, wie wichtig unsere Kommunikation ist.

„Vorsicht“ ist bei uns ein Kommando, das Charlie zeigt, dass keine unmittelbare Gefahr droht, er aber seine Sinne konzentrieren muss, weil er ein Hindernis oder ähnliches übersieht. Vorsicht wende ich an, wenn Charlie abgelenkt ist und droht, gegen einen Baum zu laufen. Eine Erfahrung, die er im Zweifelsfalle machen kann, weil sie ihn nicht schwer verletzt und die ihn daran erinnert, dass Konzentration nicht schaden kann. „Vorsicht“ wende ich also an, wenn er selber aufmerksamer sein soll um ein ungefährliches Hindernis zu erkennen. Hier haben wir eine Erfolgsquote von ca. 80%, also Pareto, damit bin ich recht zufrieden.

„Langsam“ ist ein wohl selbsterklärendes Kommando, um Charlie zu verlangsamen.

Als Richtungskommandos habe ich neben der Führung über die Leine noch „rechts“ und „links“ etabliert, gepaart mit seinen eigenen Sinnen kann ich ihm so gut helfen, auf dem Weg zu bleiben.

„Stufe“ ist ein Kommando, das ich bei Treppen und Stufen anwende. Bisher habe ich es universell verwendet, für Treppen nach unten und oben. Das habe ich aber am Wochenende verfeinert.

 

Charlies sonderbare Gangart

Charlie hat eine leicht sonderbare Gangart entwickelt: Er hebt die Pfoten beim Gehen und Laufen etwas höher als nötig. Das sieht auf den ersten Blick elegant aus, bei genauerer Betrachtung steht dahinter aber auch ein Sinn. Durch das hohe Heben der Pfoten kann Charlie erkennen, ob ein Hindernis im Weg ist. Baumstümpfe, einzelne Stufen, Kanten – stößt er mit der hoch erhobenen Pfote dagegen, bekommt er Informationen zu Höhe, Härte und Schmerzhaftigkeit. Und passt sofort alle anderen Bewegungen darauf ab.

Außerdem nutzt Charlie seine Pfoten um zu erkennen, auf welchem Untergrund er sich befindet. Waldwege sind meist anders beschaffen als die Ränder und so nutzt er seinen Tastsinn, um dem Weg zu finden und auf diesem zu bleiben. Berühren seine Pfoten auf einem Waldweg einen Fremdkörper, wie Grasbüschel, ändert Charlie sofort die Richtung ein wenig und findet so auf den Weg zurück.

So tastet er sich mit seinem hochbeinigen Gang durchs Leben.

Ich unterstütze diese Art der Orientierung auch das Kommando „Stufe“, das wir am vergangenen Wochenende modifizieren mussten, weil es bei dem Auf und Ab in der Südeifel einfach nicht ausgereicht hat.

Wenn ein Kommando nicht mehr reicht

Was im Alltag funktioniert, muss nicht unbedingt auch einer besonderen Belastung standhalten, diese Erfahrung hat uns das Wandern in der Südeifel machen lassen.

Das Auf und Ab der Wege auf unseren Strecken, an vielen Stellen in Form von ungleichmäßigen Steinstufen und Tritten, hat mir gezeigt: „Stufe“ alleine reicht nicht.

Was genau war los: Wir waren in der „Kleinen Luxemburger Schweiz“, genauer gesagt im Mullerthal und am zweiten Tag sind wir durch die Grüne Hölle in der Südeifel gewandert. Die Strecken sind wunderschön, tolle Trails in einer atemberaubenden Landschaft. Allerdings überwindet man auf diesen Trails auch eine Menge Höhenunterschiede, die schmalen Pfade werden an vielen Stellen durch Steinstufen (Natursteine, eher uneben) gestützt. Was für den Wanderer sehr angenehm ist, ist für den blinden Hund richtig doof. Erkennt Charlie die erste Stufe, dann die zweite, so geht er von einer Stufenlänge, die er gewohnt ist aus. Das passt aber bei diesen natürlichen Steigen überhaupt nicht! Und so stößt er sich ständig, stolpert mehr, als dass er geht.

Und so musste ich bei jeder (!) Stufe helfen. Denn nur, wenn ich ihm das Kommando gebe, tastet er sich vorsichtig voran und nimmt sich Zeit, die Schrittlänge zu testen. Mache ich das nicht, tapst er darauf los und vermasselt es.

Ich kann nach diesen Wanderungen nicht zählen, wie oft ich das Wort „Stufe“ gesagt habe. Und ich kann auch nicht in Worte fassen, wie sehr ich davon angestrengt und genervt war!

Alternative Lösungen

Nachdem ich mich selber nicht mehr hören konnte, habe ich mein Verhalten geändert. Treppen nach unten habe ich einmalig mit „Stufe unten“ angekündigt, Charlie seitlich versetzt hinter mich gebracht und mit meinem Oberschenkel seine Bewegung eingeschränkt. Und so sind wir Schritt für Schritt nach unten gegangen. Die erste Stufe angekündigt, dann in die seitliche Haltung, Charlies Nase an meinem Bein und jede Stufe einzeln und langsam.

Charlie musste so seine Schrittlänge an den Radius anpassen, den ich ihm körperlich gewährt habe. Ich musste nicht mehr ständig quatschen, dafür aber seitlich und langsamer gehen. Vorteil: Es war wieder Ruhe im Wald, die wir dann auch genießen konnten!

Stiegen nach oben habe ich weiterhin einzeln angekündigt, da ich Charlie dann vor mir gehen lasse. Wenn er abrutscht und fällt, kann ich ihn so auffangen. Wenn er hinter mir fällt, hängt er in der Leine und das ist für uns beide nicht angenehm.

Wandern mit blindem Hund ist Arbeit

Arbeit für alle Beteiligten: Für Charlie, weil er auf fremden Strecken hochkonzentriert unterwegs ist. Für mich, weil ich immer einen Schritt vorausdenken und ihn leiten muss. Für unsere Begleitung, weil wir langsamer und umständlicher unterwegs sind. Zum Glück wurde ich zwischendurch immer mal wieder für 10 Minuten abgelöst, so hatte ich kurze Verschnaufpausen.

Auf den von uns gewählten Wegen waren Hindernisse, die Charlie einfach nicht überwinden konnte. Teil wusste ich davon, teils kamen sie überraschend.

Von vornherein war klar, dass Charlie nicht über Gittertreppen läuft. Als er noch sehen konnte, war das kein Problem, seit der Erblindung ist es das. Die Löcher sind ihm verständlicherweise nicht geheuer. Aber ihn ein paar Treppen hoch- und heruntertragen, das schaffe ich ja locker.

Was ich nicht geahnt hatte: Nach dem Winter waren auf den Wegen teilweise Gesteinsbrocken von Steinschlägen im Weg und noch nicht geräumt worden. Was man alleine locker überwindet, ist mit einem Hund auf dem Arm schon etwas anspruchsvoller. Und ich sah keine Möglichkeit, Charlie darüber zu lotsen. Die Gefahr, dass er abrutscht, sich etwas klemmt oder aufkratzt ist mir zu hoch. Also kommt er mit seinen zarten 16 kg auf den Arm und ich trage ihn über solche Hindernisse. Schwankend, unsicher im Tritt, aber immer auf Charlies Sicherheit bedacht. Und er liegt in meinem Arm und lässt es geschehen.

Wandern mit blindem Hund ist Freude pur

Zu sehen, wie gut Charlie navigiert, ihn zu beobachten, wie er Strecken erkundet und zu spüren, dass er sich auf mich verlässt – es gibt wenig schönere Momente!

Ich habe den Eindruck, dass uns solche Erlebnisse gleichermaßen Freude bereiten und ich hatte zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass es Charlie zu viel sei. Sobald es die Möglichkeit zum Freilauf gab, ging er motiviert voraus, erkundete das Umfeld und war total entspannt. Die Phasen an der Leine waren auch für ihn Arbeit und anstrengend, die schnelle Umsetzung von Informationen und Hilfestellungen fordert viel Konzentration. Und trotzdem war er am Tag danach sofort wieder hoch-motiviert, als ich die Leine in die Hand nahm und mit ihm raus wollte. Bereit für unser nächstes Abenteuer, egal auf welchen Wegen und Strecken!

Und egal wie viel es von mir fordert, ihn sicher zu navigieren – ich gehe jederzeit mit ihm auf einen neuen Trail!

 

Wir freuen uns über sicheres Teilen mit shariff:

 

Eine Antwort

  1. […] manchmal von mir getragen wird, wenn der Weg zu gefährlich ist. Das haben wir bereits in der Eifel so gehalten. In der Eifel erntete ich sonderbare Blicke von Wanderern, wenn ich Charlie […]

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