Ich werde dann mal fit – Lauftraining mit Hund (Werbung)

Ich werde dann mal fit – Lauftraining mit Hund (Werbung)

38 Jahre lang habe ich es geschafft, mich vor Sport zu drücken. Tennis, Badminton, Volleyball, Golf – ich habe vieles für einige Zeit gemacht und dann doch wieder aufgegeben. Es fehlte mir an einem guten Grund dazu. Und dann trat Charlie in mein Leben, der erste richtig sportliche Hund an meiner Seite. Voller Agilität, Freude und Bewegungsdrang.

Wenn ein Handicap doch ein Handicap ist

Ich behaupte immer im Brustton der Überzeugung: „Charlie kann trotz Erblindung alles!“ und das stimmt im Alltag definitiv. Im sportlichen Bereich stoßen wir allerdings an seine bzw. unsere Grenzen: Agility kommt aufgrund der Erblindung nicht in Frage, zumindest nicht auf eine sportliche Art und Weise. Natürlich kann Charlie über eine Wippe gehen oder über ein Hindernis springen, aber nur, wenn ich ihm die Höhe des Hindernisses durch Klopfen oder ähnliches signalisiere. Wir bewegen uns also in einem Hindernisparcours eher im Schneckentempo. Und dieses Tempo liegt Charlie überhaupt nicht.

Frisbee oder Ballsport sind auch keine Optionen, Charlie sieht sein Ziel einfach nicht. Und ein Ball mit Glöckchen ist ganz nett als Abwechslung, aber nach fünf Minuten reicht es dann auch mit „Jingle Bells“.

Ich muss also gestehen: Im  Bereich Hundesport kann Charlie nicht alles.

 

Was kann ich ihm Gutes tun?

Ich überlegte schon monatelang, wie ich Charlie eine sportliche Betätigung bieten kann, die uns beiden liegt und die wir wirklich mit Freude betreiben können, als ich von zwei Seiten gleichzeitig auf Canicross aufmerksam gemacht wurde. Und ehe ich mich versah, war ich in zwei Teams für Camp Canis gemeldet und hatte ein Trainingsziel. Stephie und Kerstin hatten mich ziemlich überrumpelt und mir eine Entscheidung abgenommen: Charlies und meine Sportart sollte das Laufen werden!

 

Vorsichtiger Einstieg

Wie testet man, ob der eigene Hund Spaß am Laufen hat? Indem man es tut. Ich habe mich also in einigermaßen sportliche Kleidung gehüllt und bin losgelaufen. Locker joggend, Charlie im Freilauf, damit ich erkennen kann, ob er auch laufen möchte. Und er wollte!

Strahlend vor Freude lief er neben mir her und zeigte mir auch sehr schnell, dass ich für seinen Geschmack immer noch zu langsam war.

So liefen wir einige Male für jeweils 30 Minuten locker trabend um die Felder. Zwei Tage die Woche, langsam an Kondition arbeitend. Und Charlie hatte Spaß. Endlich war ich in seiner bevorzugten Gangart unterwegs: Laufend.

Als klar war, dass Charlie Freude am Laufen mit mir findet, war auch klar: Wir brauchen professionelle Unterstützung.

Ich hatte keine Ahnung von Zughundesport, der entsprechenden Ausrüstung und den notwendigen körperlichen Voraussetzungen beim Hund.

Tierarzt-Check

Grundlage für eine sportliche Betätigung ist in meinen Augen die körperliche Eignung. Ich wollte wissen, ob Charlie Einschränkungen hat, die einer sportlichen Belastung widersprechen.

Sollte er erkennbare Probleme mit dem Herzen, den Gelenken oder sonstige Einschränkungen haben, die dem Laufen und dem Laufen im Zuggeschirr im Wege stehen, wollte ich das gleich zu Anfang wissen.

Unser Tierarzt unterzog Charlie dann einer allgemeinen Untersuchung, mit Augenmerk auf Herz und Gangbild. Ich stelle Charlie mindestens einmal im Jahr bei unserem Tierarzt vor, bedingt durch die PRA ergeben sich meist jährlich auch ein zweiter und dritter Termin zur Augenuntersuchung. Unser Tierarzt kennt Charlie also gut und hat eine vollständige Patientenakte von ihm. Basierend auf diesen Informationen aus mehreren Jahren lässt sich eine recht gute Aussage zum Allgemeinzustand und zur sportlichen Tauglichkeit treffen.

Die verschiedenen vorliegenden Blutbilder zeigen keine Anzeichen einer inneren oder organischen Erkrankung, die Herztöne sind auch nicht auffällig und sein Gangbild der Erblindung angemessen.

Zum Gangbild sollte man wissen, dass Charlie aufgrund der Erblindung etwas anders läuft als sehende Hunde. Charlie tastet mit den Pfoten seine Umwelt nach Informationen ab. So erkennt er unterschiedliche Untergründe, Stufen, Hindernisse. Um diese Informationen erlangen, hebt Charlie die Pfoten etwas höher als üblich und tastet regelrecht mit ihnen. Er hat also einen eher „sonderbaren“ Gang, wenn man ganz genau hinschaut. Dieses Gangbild ist unserem Tierarzt aber durchaus bekannt und schränkt Charlie motorisch nicht ein.

 

Professionelle Beratung

Wie durch Zauberhand fand ich recht zügig einen tollen Ausrüster, der Charlie mit mir vermaß und uns bezüglich der Ausrüstung nicht nur perfekt beriet, sondern sogar Charlies Erstausrüstung sponsorte. Eine umfassende Beratung halte ich für unerlässlich, der Sitz des Geschirrs, die richtige Position des Zugpunktes – Details, die ein Anfänger überhaupt nicht einschätzen kann.

Dieser Ausrüster steht uns bis heute mit seinem Rat zur Seite und bei ihm habe ich natürlich auch das neue Zuggeschirr für Charlie gekauft, da das erste sich im Lauf in Hoope als doch noch nicht optimal herausgestellt hat. Denn zumindest war bei uns der Zug im Parcours ein deutlich anderer, als vorher unter Trainingsbedingungen. Charlie hat im Parcours so stark gezogen, dass der Zugpunkt und das Geschirr sich nochmals ein paar Zentimeter nach hinten verlagerten und es somit nicht mehr perfekt saß. Basierend auf dieser Erfahrung war es mir dann möglich, eine bessere Lösung für die Zukunft auszuwählen.

Trainingsaufbau laufen

Bei uns ist es irgendwie alles etwas anders, als bei den meisten Hundesportlern. Die, die ich kennen gelernt habe, hatten schon immer eine Begeisterung für Sport und suchten sich oftmals sogar den dazu passenden Hund.

Ich bin unsportlich, habe keine Freude am Sport, geriet aber an einen sportlichen Hund. Ich laufe also nicht für mich, sondern nur für Charlie.

Charlie ist ein Hund, der einen starken Bewegungsdrang hat. Auf Spaziergängen legt er meist eine viel größere Strecke als ich zurück, obwohl wir gemeinsam unterwegs sind. Auch längere Wanderungen schafft er konditionell spielend und ist danach noch zu einer Runde toben aufgelegt.

Also ging es bei unserem Trainingsaufbau hauptsächlich darum, mich in die Lage zu versetzen, mit Charlie laufen zu können.

Stephie half mit bei der Erstellung eines Trainingsplans, der verschiedene Laufeinheiten in der Woche mit einer langsamen Steigerung vorsah. So würde ich Kondition und Geschwindigkeit aufbauen können und Charlie sich ans Laufen mit mir gewöhnen können.

 

Traingsaufbau Zug

Charlie zum Ziehen im Geschirr zu bewegen war für mich die größte Hürde. Nicht, weil er sich weigerte, sondern ich es einfach nicht schaffte, ihm zu vermitteln, dass an der Leine ziehen nun erlaubt war. Er lief im Zuggeschirr zwar vor mir, aber immer mit lockerer Leine.

Ein Gewicht an diese Leine zu hängen und neben Charlie zu laufen, während dieser das Gewicht zieht, traute ich mich nicht. Charlie ist recht Geräusch-empfindlich und leicht zu verunsichern. Ich hatte Sorge, dass er sich durch das Gewicht im wahrsten Sinne verfolgt fühlen würde. Und dann würde er keine Freunde am Ziehen entwickeln und im schlimmsten Fall die am Laufen im Geschirr verlieren.

Durchbrüche im Ziehen erlangten wir erst, als wir nicht mehr alleine trainierten:

Kerstin bot sich an, mit Amber im Zug mit uns zu laufen. Das Spektakel, als Amber und Charlie sich im Zuggeschirr trafen, werde ich wohl so schnell nicht vergessen! Amber kannte bereits das Laufen im Zug und hatte eine Leidenschaft dafür entwickelt. So ist sie hochmotiviert, wenn sie das Geschirr trägt und versprüht eine ansteckende Vorfreude. Charlie, der eigentlich ja überhaupt keine Ahnung hatte, um was es ging, ließ sich von Ambers Motivation anstecken und war schnell ebenso erregt wie sie. Als dann das erlösende „Go!“ als Startsignal ertönte, ahmte er einfach Amber nach und legte sich voll in den Zug!

Ein berauschendes Gefühl! Charlie ziehen zu spüren, zu merken, wie sehr sein Zug meinen Lauf unterstützt und wie gut die Kommunikation funktionierte, das war wie ein platzender Knoten.

Zu merken, wie sehr es ihm gefiel, neben Amber durch den Wald zu jagen, Tempo zu machen und sich auch einer gewissen Konkurrenz zu stellen, das war ein toller Moment!

 

Die Ernüchterung danach

Nach diesem aufregenden und erfolgreichen Lauf mit Amber klappte bei uns überhaupt nichts mehr, als wir wieder alleine trainierten. Charlie zog nicht mehr, fand es langweilig und hatte alleine mit mir keine spürbare Freude.

Ich bat also den Lieblingsmann um Hilfe: Er sollte mit dem Fahrrad voraus fahren und Charlie zum Laufen motivieren. Und es klappte! Charlie verstand sofort und zog wie Bolle. Er braucht offensichtlich den Wettkampf.

 

Richtungskommandos und besondere Hilfe für den Blindfisch

Neben Training von Kondition und Zug mussten Charlie und ich auch an Kommandos arbeiten, die ihm die Orientierung auf dem Parcours erleichtern. 

Es kam uns gelegen, dass wir bereits Richtungskommandos etabliert hatten. Links, rechts, langsam und Hinweise auf Hindernisse konnte ich also aus dem Alltag übernehmen.

Schwieriger gestaltete es sich für mich, Charlie Hindernisse zu erklären, die „im Weg stehen“. Heuballen, Baumstämme, Hürden, all das sollte ja irgendwann Bestandteil des Parcours werden.

Gemeinsam darauf Zulaufen, Stoppen und dann das Hindernis gemeinsam nehmen, das ist die für uns einzig gangbare Lösung. Es ist mir nicht anders möglich, Charlie das Hindernis „begreifbar“ zu machen. Wir halten folglich an und ich klopfe auf oder an das Hindernis, damit Charlie die Höhe erkennen kann. So haben wir es bei Camp Canis in Hoope auch geschafft, über Heuballen zu klettern. Nicht schnell, nicht elegant, aber effektiv und sicher.

Fazit

Ich laufe immer noch nicht wirklich gerne. Aber ich liebe es, mit Charlie zu laufen. Seine Begeisterung ist ansteckend!

Unsere erste Teilnahme an Camp Canis war ein unvergessliches Erlebnis, ich kann es manchmal kaum glauben, dass wir es gemeinsam geschafft haben. Und basierend auf dieser Erfahrung freue ich mich sehr auf unsere Teilnahme am Camp Canis in der Wingst!

In der Wingst werden wir auch nicht mehr in einem Handicap-Team antreten und ich bin sehr gespannt, ob wir es schaffen, auch mit Hunden ohne Handicap mitzuhalten.

 

Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit der AGILA, die auch unsere Teilnahme am Camp Canis in der Wingst unterstützt. Wir danken ganz herzlich für die tolle Zusammenarbeit!

 

 

Wir freuen uns über sicheres Teilen mit shariff:

 

error: Sorry, kopieren ist nicht erlaubt. ;-)