Eine große Last

Eine große Last

Nicht nur als Halter eines blinden Hundes, sondern als Hundehalter allgemein trägt man eine große Verantwortung. Für die Gesundheit, das Wohlbefinden, die Auslastung und im Großen und Ganzen das Leben des Hundes. Ich trage diese Verantwortung gerne und bewusst, doch es gibt Punkte, die mir etwas schwerer auf der Seele liegen.

Die Sache mit dem Vertrag

Wie jeder Halter eines Hundes aus dem Tierschutz habe ich einen Übernahme-Vertrag mit dem Verein geschlossen. Diese beinhaltet die übliche Formel à la „Sollte der Hund nicht beim Halter bleiben können, muss er zwangsweise zurück an den Verein gehen.“. Ob und wie weit solche Vereinbarungen ohne Eigentumsvorbehalt tatsächlich gültig sind, soll hier nicht diskutiert werden. Denn ich habe eine moralische und emotionale Sicht auf diese Klausel und Charlie, die viel wichtiger erscheint: Ich kann einen blinden Hund nicht an Ignoranten geben!

Warum bin ich so hart mit meinem Urteil?

Als Charlie die Diagnose PRA (Progressive Retinaatrophie) bekam, informierte ich umgehend den Verein. PRA ist genetisch bedingt und ich wusste, eine Schwester von Charlie ist ebenfalls über diesen Verein vermittelt worden. Ich bat darum, die Diagnose an die Halter der Schwester weiter zu geben, damit diese entsprechend agieren konnte. Nach dieser Bitte hörte ich nie wieder vom Verein. Keine Antwort, keine Frage, wie es Charlie geht, einfach nichts. Auf mich wirkte dieses Verhalten so, als hätte man bei einer chronischen Erkrankung schlagartig kein Interesse mehr am Hund. Nachfragen meinerseits wurden ab diesem Zeitpunkt ebenso ignoriert.

(Dies begab sich übrigens, bevor ich mit dem Bloggen anfing, man kann noch nicht mal hoffen, dass der Verein sich hierüber zu Charlies Wohlbefinden informiert hat.)

Stellt sich mir also die Frage: Könnte er dorthin zurück ohne dass ich mich im schlimmsten Fall im Grabe umdrehe? Nein. Denn wer kein Interesse an seinem Krankheitsverlauf hat, der hat in meinen Augen auch kein Interesse, ihm ein gutes Zuhause zu bieten.

 

Von welche Last spreche ich überhaupt?

Von der, was mit Charlie geschieht, wenn mir etwas passiert. Vor einigen Wochen war ich auf einer Tagung in Fulda. Ich reiste mit dem Auto und war schon bei Antritt erkältet. Die Tagung hat mich dann völlig umgehauen und ich fand mich mit hohem Fieber und Schüttelfrost im Auto auf der Rückfahrt wieder. In dieser Situation fragte ich mich, was mit Charlie werden würde, wenn mir ein Unglück geschieht.

Im Kopf ging ich alle Optionen durch, kurzfristige und langfristige. Klar, im Notfall würden erst mal meine Eltern und Freunde einspringen. Läge ich im Krankenhaus, wäre Charlie umgehend gut versorgt. Aber spontan fiel mit niemand ein, dem ich es „zumuten“ würde, sich den Rest seines Lebens um Charlie zu kümmern.

Vorsorge und Verfügungen

Ich habe für viele Fälle vorgesorgt, das liegt in meinem Naturell. Ich habe Maßnahmen für die Altersvorsorge getroffen, haben eine Lebensversicherung, Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung. Aber ich habe kein neues Zuhause für Charlie.

Dieser Gedanke hat mich lange beschäftigt. Klar, es ist nicht schön, sich mit dem eigenen Ableben zu beschäftigen. Mit der Option, vielleicht zu verunfallen oder ähnliches. Aber es kann doch auch nicht sein, dass ich mich um alles kümmere was passieren könnte, aber nicht um Charlie!

Das musste so schnell wie möglich ein Ende haben, denn Charlie hat es mehr als verdient, versorgt zu sein. Emotional und finanziell.

 

Und nun?

Ich wälzte wochenlang Gedanken. Geeignete Menschen für Charlie gibt es in meinem Umfeld einige. Wirklich. Meine Eltern, Susana, Nicola, Kerstin, Carolin – auf all diese Menschen baue ich, wenn es um kurzfristige Lösungen geht. Voller Vertrauen und Überzeugung. Jeder dieser Menschen ist perfekt geeignet, wenn es darum geht, Charlie für ein paar Tage oder Wochen zu betreuen.

Warum zögere ich dann? Das Leben mit Charlie ist nicht einfach. Er kann bis heute nur kurz alleine bleiben, gut klappt es nur, wenn ein anderer Hund dabei ist, dem Charlie voll vertraut. Es sollte also jemand mit entspannten Hunden sein, die Charlie kennt.

Außerdem kommt für eine langfristige Lösung aus meiner Perspektive niemand in Frage, der häufig reisen muss oder möchte. Denn damit mute ich der Person zusätzlichen Organisationsaufwand zu.

Charlie ist stressanfällig. Gewitter, Feuerwerk, hektische Menschen, Staubsauger – es gibt Faktoren, die ihn zitternd und sabbernd durch die Gegend laufen lassen. Es kommt also niemand in Frage, der in der Nähe eines Veranstaltungsortes wohnt, an dem einmal im Monat Feuerwerk ist. Damit scheiden 3 weitere Personen aus. Denn das ist weder Charlie noch den Personen zumutbar.

 

Die Sache mit der Trauer

Ein weiterer Faktor: Auch heftige Gefühle verursachen bei Charlie Stress. Ich unterstelle mal ganz frech, dass zumindest meine Eltern trauern, wenn es mich erwischt. Und dann wäre Charlie in einem Umfeld, in dem er keine Ablenkung und keine Ruhe findet. Er würde eventuell länger als nötig trauern und nicht so aufgefangen werden, wie ich es mir wünsche. Er soll warm und herzlich aufgenommen werden, frei von belastenden Gefühlen, einen Start haben, der fernab von allem negativ Belegten ist.

Ihr merkt, ich habe wirklich versucht, alle Eventualitäten zu bedenken. Denn mein größter Wunsch ist: Sollte mir etwas passieren, soll Charlie danach ein herzliches, liebevolles und glückliches Zuhause haben, in dem alle Voraussetzungen so gut wie möglich bis perfekt sind.

Finanziell mache ich mir nicht so viele Sorgen, ich werde Charlie mittels meines Testaments mit etwas Kapital ausstatten. Ich verpflichte den Empfänger meiner Lebensversicherung, Charlie eine „Ablösesumme“ in sein Gepäck zu packen. Denn er soll ja auch nicht für seine neue Familie eine unnötige Belastung darstellen. Aber: er kann sich ja schlecht in einem Hotel einmieten. Es muss also endlich eine Lösung gefunden werden.

 

Eine Idee und die schönste Zusage der Welt

Die besten Ideen kommen mir unter der Dusche. Wenn ich mit so profanen Dingen wie Haare waschen beschäftigt bin, entfaltet mein Hirn offensichtlich sein Potential.

Und so stand ich mit Schaum auf dem Kopf unter der Dusche und dachte an: Enki. Stephie. Ihren Mann. Kane.

Menschen, die Charlie sehr gerne mag. Bei denen er sich wohl fühlt. Für die seine Erblindung keine Rolle spielt. Bereichert durch zwei Hunde, die Charlie verehrt. Enki, sein Bruder im Geiste und Kane, der sich im Sturm in Charlies Herz getobt hat.

Je länger ich diesen Gedanken drehte und wendete, umso perfekter erschien er mir. Stephie und ihr Mann sind liebevoll, hundeerfahren, aufmerksam, wohnen weit weg von Feuerwerk und haben genau den Umgang mit Hunden, den ich sehr mag.

Die Frage aller Fragen – ob sie Charlie bei meinem Ableben aufnehmen würden – stellte ich Stephie dann bei ihrem letzten Besuch in Köln. Ich sage Euch, ich war aufgeregt wie bei einem Antrag!

Und Stephie reagierte so unfassbar positiv! Verstand meinen Ansatz, meine Sorgen und sagte unter Vorbehalt der Zustimmung Ihres Mannes zu. Sie übernähme gerne die Patenschaft!

Und kaum war sie wieder Zuhause angekommen, bekam ich eine Nachricht ihres Mannes: Im Fall der Fälle habe Charlie bei ihnen ein gutes Heim.

Ich habe geheult wie ein Schlosshund. Vor Erleichterung, Freude, dem guten Gefühl, einen wichtigen Punkt in der Vorsorge gelöst zu haben. Ich bin zutiefst dankbar, dass Charlie so gute Paten gefunden hat.

Charlies Bestätigung

Wer Charlie kennt, weiß, dass er nicht gerne von mir getrennt ist. Häufig reagiert er mit Stress, ist unruhig und freut sich, wenn ich „endlich“ wieder zurück bin. Nur wenige Menschen können ihm so viel Sicherheit bieten, dass er entspannt ohne mich bei ihnen bleibt.

Am vergangenen Wochenende waren wir auf einem Event im Wolfcenter eingeladen und trafen dort viele andere Blogger, unter anderem auch Stephie, ihren Mann und Kane. Bei den Führungen durch den Park durften die Hunde nicht dabei sein, weshalb Stephies Mann sich anbot, auf Charlie und Kane zu achten und an einer späteren Führung teilzunehmen.

Nicht falsch verstehen: Ich bin es gewohnt, Charlie auch mal bei anderen Menschen zu lassen. Ich gehe dann ohne viel Aufhebens und grußlos und komme auch so zurück.

Doch Charlie ist da anders: Sobald ich wieder da bin, eskaliert er. Springt an mir hoch, singt, freut sich wie ein Schnitzel.

Doch nicht in diesem Fall. Als wir von der Führung zurückkamen, wurde ich nicht begrüßt. Ich war noch nicht mal sicher, ob ihm meine Abwesenheit bewusst worden war. Er hatte mit Stephies Mann und Kane eine Einheit „gegen den Rest der Welt“ gebildet. Ruhig, entspannt und zufrieden. Und so blieb es den ganzen Tag. Charlie suchte von sich aus immer wieder Kontakt zu Stephie und ihrem Mann und steht sogar auf dem Gruppenfoto bei ihnen und nicht bei mir. Auch wenn ich abgeklärt und rational bin, so komme ich nicht umhin zu glauben, dass Charlie mir einfach die Bestätigung geben wollte, dass ich eine große Last losgeworden bin. Ich habe einen perfekten Notfallplan für ihn.

Und in meiner Vorstellung rauscht Stephie im Fall der Fälle aus dem hohen Norden nach Köln, unterstützt vom fabelhaften Enkman und packt Charlie ein für einen Roadtrip in seine neue Heimat ein.

 

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