Auf der Suche nach dem Glück

Auf der Suche nach dem Glück

2019 hat irgendwie mit einer Menge Stolpersteine angefangen, Lis ging es immer schlechter, die Epilepsie wurde heftiger und schließlich starb sie im Februar. Von diesem Tag an war alles anders und nicht mehr rund. Fünf Monate später vermisse ich sie immer noch und habe eine ganze Menge in meinem Leben auf den Kopf gestellt, immer auf der Suche nach dem Glück…

Das Herz krampft

Lis und ich lebten seit 2004 zusammen. Was Sie mir bedeutet hat, kann ich kaum formulieren, ihr Nachruf gibt vielleicht einen Hinweis darauf.

Von Ihrem Todestag an hatte ich das Gefühl, dass mein Herz krampft. Nicht ständig, aber immer wieder.

Und ich begann, mich mit meinen Gefühlen, Wünschen, Hoffnungen und Schmerzen auseinander zu setzen.

Jammern auf hohem Niveau

Bitte nicht falsch verstehen, mein Leben ist super und ich bin mir dessen bewusst. Ich bin gesund, habe wunderbare Freunde, eine Familie und Charlie. Es fehlt mir an nichts und trotzdem war da ein Schatten.

Nicht nur wegen Lis’ Tod, sondern anders, nicht greifbar.

Charlie war mir in all dieser Zeit ein treuer Begleiter, ein tapferer Gefährte und ein toller Freund. Er ist an der Situation gewachsen, erwachsener geworden, hat sich in eine Richtung entwickelt, die ich nicht erwartet hätte. Und obwohl ich diese Entwicklung erkannte, förderte und bewunderte, blieb der Schatten.

 

Was macht mich glücklich?

Ich verspüre jeden Tag Glück. In kleinen Momenten.

Wenn Charlie lächelnd auf mich zuläuft, voller Begeisterung ins Wasser hüpft. Wenn ich Zeit mit lieben Menschen verbringe. Wenn ich einen Moment innehalte und das Leben spüre.

Und doch gab es immer wieder Momente, in denen ich alles andere als glücklich war.

Glück ist kein Dauerzustand und soll auch für mich keiner sein, aber ich wünsche mir eine gewisse Grundzufriedenheit, die den Schatten im Zaum hält und eine gute Basis für die Momente des Glücks ist.

 

Woher kommt der Schatten?

Lis’ Tod hat mich aus der Bahn geworfen. Viele liebgewonnene Gewohnheiten fallen weg, seitdem sie nicht mehr da ist. Gewohnheiten, für die es keinen Ersatz gibt.

Doch davon abgesehen erwischte ich mich selber immer häufiger bei Gedanken wie „Das macht mich nicht glücklich.“ Oder „Du machst mich nicht glücklich.“

Ich hatte immer wieder traurige Momente, fand keine Ruhe in mir selbst und war oft unleidlich.

 

Charlie nabelt sich ab

Erinnert ihr Euch, wie emotional Charlie früher an mich gebunden war? Dass er teilweise so unter meinem Stress litt, dass er sich übergeben musste?

Dieses Verhalten hat sich natürlich verbessert, vor Allem, weil ich mich geändert habe und Charlie somit nicht mehr so sehr belastet habe.

Doch die hochemotionale Phase in diesem Jahr war für Charlie schwierig. Hatte er den Tod von Lis gut verkraftet, so machten ihm meine Befindlichkeiten Stress.

An manchen Abenden, wenn ich endlich zur Ruhe kam, konnte ich an Charlie ablesen, wie schwierig der Tag gewesen war. Charlie war unruhig, hechelte und sabberte und brauchte viel länger Zeit als ich, um abends herunter zu fahren.

Anfangs versuchte er noch, mich in traurigen Momenten aufzuheitern. Kam zu mir, forderte mich zum Kuscheln oder Spielen auf. Das tat mir dann häufig leid, weil ich Charlie nicht belasten wollte. Aber ich konnte aus meiner Haut nicht raus…

Charlie hat sich dann von diesem Verhalten abgenabelt. Er hat mich in den schlechten Momenten immer häufiger ignoriert, sich nicht mehr von mir anstecken lassen. Er hat sich abgegrenzt.

Sobald es mir dann wieder gut ging, war er dann auch wieder „bei mir“, nahm Kontakt auf und suchte meine Nähe.

Rückwirkend würde ich sein Verhalten mit einer einfachen Regel beschreiben: „Schlechtes Verhalten ignorieren, gutes Verhalten verstärken.“

 

Charlies Abgrenzung als „Aha-Effekt“

Ich bin gut darin, Situationen zu beobachten und zu analysieren. Und ich bewunderte Charlie für seine Abgrenzung von meinen negativen Emotionen sehr. Es dauerte etwas, bis mir klar wurde: Charlie lebt mir vor, wie ich es machen sollte!

Abgrenzung fiel mir schon immer schwer. Probleme von lieben Menschen, Stress im Job, negative Emotionen anderer, mangelnde Rücksicht Dritter – das geht mir nahe und ich schleppe es mit mir herum. Mache mir die Probleme anderer zu eigen. Wahrscheinlich über ein gesundes Maß hinaus.

Charlie ist wirklich ein Genie. Er hat auf meine schlechten Momente so reagiert, wie ich es viel öfter tun sollte: Mich nicht anstecken lassen, es nicht an mich heranlassen und bei mir bleiben.

 

Was nun?

Erkenntnis ist gut und schön, aber es braucht Umsetzung, um einen Effekt zu erzielen.

Ich begann, mich wieder mehr um mich zu kümmern. Bewusste Pausen, bewusste Abgrenzung, viele „Neins“ und mehr Zeit nur für mich und Charlie.

Alles, was mich unnötig belastete, versuchte ich aus meinem Leben zu entfernen. Rücksichtslosigkeit, Gedankenlosigkeit und Egoismus in meinem Umfeld ließ ich nur noch begrenzt zu, Verhalten, dass mir sogar schadete, habe ich umgehend abgestraft.

Die Mühlen fingen an zu mahlen, langsam aber kraftvoll.

Und Charlie wurde noch entspannter. Jede Abgrenzung, die ich vollzog, führte dazu, dass ich weniger Schatten spürte und im Gegenzug Charlie wieder näher war.

Je ruhiger und gelassener ich wurde, desto enger wurde auch unser Verhältnis.

Charlie und ich waren immer ein gutes Team und uns nahe, aber ich hatte noch nie so sehr das Gefühl, dass wir im Einklang sind, wie heute.

Ich kann an ihm ablesen, dass ich auf einem guten Weg bin, er ist mein Spiegel und mein Lehrmeister.

 

Der Blick in die Zukunft

Charlie hat mich gelehrt, dass ich mir selber genug sein kann und darf. Dass es gut ist, sich abzugrenzen.

Ich habe verstanden: Das Glück liegt in mir. Es liegt nicht da draußen, nicht in anderen Menschen. Die Verantwortung, Glück zu erleben, liegt ganz alleine bei mir.

Der Schatten ist immer noch nicht ganz weg und Lis vermisse ich weiterhin schmerzlich. Aber ich bin zufrieden, mag mich wieder deutlich besser leiden und genieße jeden einzelnen Tag, zumindest kleine Momente davon.

Charlie, der aufgrund seiner Erblindung immer meine Hilfe und Unterstützung brauchte, hat in den letzten Monaten mein Leben verändert. Er hat mir mehr geholfen, als ich ihm je helfen könnte. Und nun sind wir nicht mehr auf der Suche nach dem Glück, sondern haben es in uns, jeden Tag ein klein wenig mehr.

 

 

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