Dann bin ich halt der Buhmann

Dann bin ich halt der Buhmann

Charlie und ich haben bald sechsjähriges Jubiläum und ich muss feststellen, dass es ihm wohl noch nie so gut ging, wie in den letzten Monaten. Im vergangenen Jahr hat sich massiv viel geändert, eigentlich fing alles mit Lis’ Tod im Februar 2019 an. Charlie hat sich nochmals stark entwickelt und außerdem einen neuen „Ansprechpartner“ dazu gewonnen.

Ohne Lis

Ich hatte wirklich Sorge, dass Charlie ohne Lis schlechter zurechtkommen würde. Dass sie ihm als Leithund fehlen würde, er ihren Schutz vermissen würde. Ich hatte viele Szenarien im Kopf und alle endeten damit, dass wieder ein zweiter Hund einziehen würde, falls es Charlie ohne Lis schlechter gehen würde.

Bis heute gibt es keinen zweiten Hund.

Charlie hat sich regelrecht emanzipiert, ein völlig anderes Selbstbewusstsein entwickelt und ist ein Stück selbstständiger geworden.

Lis war ihm oft Hilfe und Schutz, aber sie war auch dominant und hat ihm manchmal wohl nicht den Raum gegeben, den er zur Entfaltung brauchte.

Er kann jetzt pöbeln

Wie oft versteckte sich Charlie hinter Lis, wenn es Ärger gab.

Beschwichtigen konnte Charlie immer gut, wenn es um Wehrhaftigkeit ging, überließ er Lis das Feld. Nachdem er einige Zeit alleine zurechtkommen musste, verwandelte er sich. Ließ sich nicht mehr alles gefallen, erwiderte Pöbeleien von fremden Hunden sogar.

Versteht mich nicht falsch, ich möchte keinen Leinenpöbler haben, aber zu sehen, dass der eigene Hund endlich mutig genug ist, zurückzubellen, wenn er böse angemacht wird, ist ein tolles Gefühl.

Er erobert sein Reich

Charlie war schon immer ein Hund, der gerne erhöht liegt, da bricht der Border Collie wohl aus ihm heraus. Doch wenn Lis die Ecke auf dem Sofa beanspruchte, überließ er ihr diese ohne Murren. Seitdem sie nicht mehr bei uns ist, hat er neue Plätze erobert, bewegt sich selbstbewusster und bittet auch schon mal Besuch freundlich, doch bitte die Tasche von seiner Sofa-Ecke zu entfernen. Er steht dann davor und stupst die Tasche an, bis sie weggeräumt wird. Denn er käme nie auf die Idee, sich auf die Tasche zu legen oder sie zur Seite zu schieben.

Und auch bei vierbeinigem Besuch verhält er sich anders. Er duldet immer noch jeden freundlichen Besuch, zeigt aber auch deutlich (ohne Aggression), wo die Grenzen liegen. Er teilt Ressourcen, aber nur freiwillig und in einem für ihn angenehmen Maß.

Das Verhältnis zu mir

Charlie und ich haben seit jeher ein enges Verhältnis. Er vertraut mir und ich kann alles von ihm verlangen. Sein Wiill-to-please ist ausgeprägt und er widerspricht mir nur selten.

„Leider“ bin ich auch für die unangenehmen Dinge zuständig. Tierarztbesuche, Körperpflege, erzieherische Maßnahmen. Weshalb unserer Beziehung manchmal die Leichtigkeit fehlt, es schwingt von Charlies Seite immer etwas wie „Respekt“ mit, da ich doch nicht nur der Spaßfaktor und Versorger in seinem Leben bin.

Eine neue Person

Seit einigen Monaten gibt es einen Mann in unserem Leben, einen, der Charlies und mein Herz im Sturm erobert hat. Einen, der mit Charlie „Männersachen“ macht und mit ihm pöbelnd über die Wiese läuft, sich balgt und auch Ausflüge mit Charlie alleine unternimmt. Einen, der null negative Verknüpfung mit Charlie hat und umgekehrt. Das führt zu einer wahnsinnig innigen Beziehung zwischen den Beiden, die ich freudig und neidisch zugleich beobachte.

Der Mann kann Charlie stundenlang kämmen, da wird nicht gejammert, dass es ziept. Bei mir wird sich geziert, als würde ich ihm mit Absicht die Haare herausrupfen.

Nimmt der Mann Charlie an die Leine, hebt Charlie den Kopf, macht eine breite Brust und stolziert neben dem Mann her, als würden sie nun gemeinsam um die Häuser ziehen.

Besonders auffällig ist der Unterschied im Spiel, mit dem Mann rangelt Charlie viel weniger vorsichtig und deutlich ausgelassener, als mit mir.

Und auch beim Apport ist er befreiter und dadurch freudiger unterwegs.

Bei mir schwingt automatisch das Gefühl von Training mit und Charlie hat weniger Spaß. Mit dem Mann ist es viel cooler und Charlie apportiert dort auch in meinem Beisein viel freudiger, spontaner und sogar besser.

Ich möchte mich darüber wirklich nicht beschweren, es ist für mich wahnsinnig toll zu sehen, wie sehr Charlie durch die andere Ansprache aufblüht. Wie sehr er es genießt, den Mann in seinem Leben zu haben.

Ich bin dadurch ab und zu in die Position des Buhmanns gerückt, da ich ja weiterhin für alles Unangenehme zuständig bin.

Der Mann hat schon freiwillig angeboten, auch mal die Ohren zu reinigen oder zum Tierarzt zu fahren, aber das möchte ich eigentlich nicht.
Charlie hat zum ersten Mal in seinem Leben ein Verhältnis, dass ausschließlich durch positive Erfahrungen geprägt wird. Er blüht auf und strahlt noch mehr als sonst.

Das möchte ich ihm keinesfalls nehmen und deshalb bleibe ich gerne der Buhmann. Der neben den Beiden steht und sich so sehr freut, dass er keine angemessenen Worte dafür findet.

 

 

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