Wir sind doch nicht so „normal“

Wir sind doch nicht so „normal“

Unser Leben mit Charlies Erblindung empfinde ich mittlerweile als normal, der Norm entsprechend. Der blinde Charlie kann alles, das andere Hunde können und scheint wirklich Freude am Leben zu haben. Und so nahm ich an einer Umfrage zu einer Seminararbeit mit dem Thema „Handicap Hunde – Blindheit“ teil. Und weil ich neugierig bin, bat ich darum, die Seminararbeit am Ende lesen zu dürfen. Und das hat meine Sichtweise auf mein „normal“ verändert.

Meine Unbefangenheit

Die Fragen des Interviews waren für mich leicht zu beantworten, sie ergründeten die Erkrankung und drehten sich ansonsten um den Alltag.
Völlig unbefangen antwortete ich also kurz und knapp, wie es bei uns so läuft. Dass Charlie alles darf und kann, ohne Leine freiläuft, mit anderen Hunden tobt und auch Canicross-Erfahrung hat. Dass er Bürohund ist, mit in Hotels und Restaurants geht und wir aus meiner Sicht keine nennenswerten Einschränkungen erfahren. Unser Leben in kurzen Worten.


Ich berichtete über die letzte Untersuchung und dass wir täglich Augentropfen geben und dass es vielleicht in der Zukunft zu einer Entnahme der Augen kommen könnte. Business as usual für mich und nicht weiter aufregend.
Die ausgesprochen nette Interviewerin stellte ein paar kurze Rückfragen, bat mich um Bildmaterial und bedankte sich für die Teilnahme. Ich hatte das angenehme Gefühl, sie unterstützt zu haben und war gespannt, wie die Arbeit ausfallen würde.

Die Seminararbeit

Wie zugesagt erhielt ich nach Fertigstellung die Möglichkeit, die Seminararbeit zu lesen. Darüber habe ich mich wahnsinnig gefreut!
Der Aufbau und Inhalt haben mir persönlich sehr gut gefallen und ich hoffe, dass es die beurteilende Person auch so sieht. Es gab eine Einleitung mit medizinischen Fakten, einem Abriss der verschiedenen Gründe für Erblindungen bei Hunden und dann ging es auch schon zu dem Bereich, der mit den Informationen aus den verschiedenen Interviews erarbeitet wurde.
Umgang im Alltag, Unterstützung durch Kommandos und Hilfen, die verschiedenen Phasen auf dem Weg zu Erblindung, und vor dem Fazit kam ein Punkt, der mich persönlich erschrocken hat: Euthanasie.
Ich musste schlucken. Und nachfragen. Zum Glück war die Interviewerin zu einem Austausch bereit und so wechselten wir doch noch einige Sprachnachrichten.

Stress durch Erblindung

Klar, auch Charlie hat seit der Erblindung Situationen, die ihm unnötigen Stress bereiten und im Extremfall ist er dann auch für mich nicht mehr zugänglich. Raketen, Böller und meine Person „am Staubsauger“ sind für ihn unerträglich. Er zittert, hechelt und sabbert und hat einfach Panikstress. Doch haben wir Wege gefunden, das zu mildern. An Silvester gibt es ein Schlückchen Eierlikör und ich staubsauge nur, wenn er mit dem Mann unterwegs ist oder auf dem Balkon ist. So ist es für uns beide gangbar.


Worüber ich mir zuvor keine Gedanken gemacht hatte: Es gibt Hunde, die in alltäglichen Situationen genau dieses Verhalten zeigen. Das Klappern von Besteck oder zufallende Türen und der Hund bekommt eine Panikattacke. Wie naiv ich manchmal sein kann.
Und wenn diesen blinden Hunden nicht langfristig über Gewöhnung geholfen werden kann, ist die Not bei allen Beteiligten groß.


Auch hatte ich nicht bedacht, wie grundlegend Charlies Selbstbewusstsein für seine Entwicklung während der Erblindung war. Ich hatte ja frühzeitig daran gearbeitet, ihn zu stärken und auch Lis war ihm dabei sicherlich eine große Hilfe.
Es scheint logisch, dass ein unsicherer Hund unter einer Erblindung eher leidet, als ein sicherer Charakter.
Außerdem scheint Charlies „sonniges Gemüt“ von Vorteil zu sein. Er neigte nie zur Traurigkeit oder war in sich gekehrt, sondern schon immer mehr der strahlende Clown. Wenn er vor einen Baum rennt, schüttelt er sich und nimmt erneut Anlauf. Und ich darf darüber gemeinsam mit ihm lachen, was ich tatsächlich lauthals tue.


Diese Punkte hatte ich ehrlich gesagt selten so deutlich wahrgenommen.
Und nun bin ich umso dankbarer, wie toll Charlie alles meistert.


Ich habe verstanden, dass unser „normal“ etwas ganz besonders ist und nicht die Regel. Dass wir als Team etwas erreicht haben, das vielleicht doch größer ist, als ich es empfinde.


Für diese Erkenntnis bin ich Dir sehr dankbar, liebe Linda.

 

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