Nachhaltig leben mit Hund – ein Paradoxon?

Nachhaltig leben mit Hund – ein Paradoxon?

In Zeiten des Klimawandels sind wir alle täglich mit Begriffen wie Co2, Ökobilanz oder Nachhaltigkeit konfrontiert. Und immer wieder tauchen in meinem Sichtfeld Schlagzeilen rund um den Hund als „Klimaschädling“ auf:

„Warum Hunde der Umwelt schaden“ (BR Wissen)

„Klimakiller Hund: CO2-Ausstoß überrascht sogar Forscher“ (agrarheute)

„Hunde und Katzen sind Klimakiller“ (Der Tagesspiegel)

Dieser Thematik möchte ich mich aus meiner ganz persönlichen Sicht annehmen.

Eine Studie

Zum Glück sind solch reißerischen Schlagzeilen nicht immer aus der Luft gegriffen, sondern fußen auch auf Studien und deren Ergebnissen.

Eine dieser Studien aus April 2020 möchte ich aufgreifen und die verschiedenen Punkte mit unserem Lebensstil abgleichen.

Die Open-Source-Hunde-Studie “Environmental Impacts of a Pet Dog: An LCA Case Study” von Prof. Dr. Matthias Finkbeiner der Technischen Universität in Berlin erstellt die erste Ökobilanz für den kompletten Lebensweg eines Hundes vom Futter bis zu den Ausscheidungen.

Die Studie „Environmental Impacts of a Pet Dog: An LCA Case Study“ resultiert aus den Forschungen zur Ökobilanz eines Menschen, die ebenfalls am Fachgebiet Sustainable Engineering der TU Berlin erstellt wurde.

„Etwa 8,2 Tonnen CO2 stößt ein 15 Kilogramm schwerer Hund im Laufe von 13 Lebensjahren aus. Das ergab die Ökobilanz eines durchschnittlichen Hundes, die von Kim Maya Yavor und Dr. Annekatrin Lehmann unter der Leitung von Prof. Dr. Matthias Finkbeiner am Fachgebiet Sustainable Engineering durchgeführt wurde. „Die 8,2 Tonnen CO2 entsprechen 13 Hin- und Rückflügen von Berlin nach Barcelona oder fast der Menge, die bei der Produktion eines Luxusautos der Mittelklasse, wie zum Beispiel eines Mercedes C250, emittiert wird“, sagt Prof. Dr. Matthias Finkbeiner. Außerdem scheidet so ein Durchschnittshund über seine 13 Lebensjahre rund eine Tonne Kot und knapp 2000 Liter Urin aus – mit signifikanten Folgen für die Umwelt. „Dieses Ausmaß hat uns überrascht“, so Finkbeiner.“

(Quelle: Ökobilanz eines Hundes, TU Berlin)

 

Nachhaltigkeit ist eine Entscheidung

Wir leben in einer Konsumgesellschaft, davon spreche ich mich definitiv nicht frei. Hier ein Kissen für Charlie, dort ein Halsband – mein Konsum macht auch vor dem Hund nicht halt.

Ich fahre Auto, bewohne eine Wohnung, reise beruflich und privat und bestelle online. Doch trotzdem behaupte ich, in vielen Aspekten meines Lebens Nachhaltigkeit zu leben.

Von den grundlegenden Gütern wie Strom und Nahrung bis hin zu den Luxusgütern wie Kosmetik, ich beschäftige mich mit der Herkunft und der Zusammensetzung der Produkte.

Wir beziehen Ökostrom (beruflich und privat) und versuchen, zu allem, das wir verbrauchen, eine nachhaltige Alternative zu finden.

Fleisch kommt bei uns nicht täglich auf den Tisch und ich bin sehr stolz darauf, dass seit gut zwei Jahren jegliches Fleisch in unserem Menschen-Haushalt von den Marktschwärmern kommt. Dies ist eine Möglichkeit, wirklich regional und bio einzukaufen. Die Marktschwärmer bieten Erzeugern aus der direkten lokalen Umgebung an, über eine Internet-Plattform ihre Produkte in die Stadt zu verkaufen. Die Erzeuger legen dabei die Preise selbst fest und es ist transparent, welcher Anteil an die Plattform geht.

Weiterhin legen „unsere“ Erzeuger auch Wert darauf, dass vor Ort geschlachtet wird und die Tiere nicht tausende Kilometer durch die Republik reisen, um getötet zu werden. So essen wir Menschen guten Gewissens ab und an Fleisch.

Was ist mit Charlies Ernährung?

Und genau das ist der Punkt, der mir seit langer Zeit Bauchschmerzen bereitet hat. Charlie wird gebarft und sein Fleisch entsprach lange Zeit nicht meiner Vorstellung von Fleisch, das ich füttern möchte. Klar, man kann Bio-Fleisch auch für Haustiere kaufen, aber wo und wie sind die Tiere aufgewachsen? Wo geschlachtet worden? Haben wir mit Charlies Fütterung Tiertransporte unterstützt?

Charlies Ernährung war der blinde Fleck in unserem Leben.

Und damit kommen wir zu einem wichtigen Punkt, warum Haustiere als klimaschädlich bezeichnet werden: Die Fütterung. Fleisch aus Massentierhaltung mit all seinen ökologischen und sozialen Auswirkungen. Leiharbeiter, schlechte Arbeitsbedingungen, Antibiotika, Schlachtung im EU-Ausland, Tierelend – all das nehmen wir bei den meisten Hundefuttern in Kauf. 

Auch ich. Jahreslang.

Doch es gibt – für mich – eine Lösung, fernab der Idee, Charlie nur noch vegetarisch zu ernähren: BARF, dass ökologisch, nachhaltig und transparent ist.

Erst konnte ich es kaum glauben, dass es so etwas tatsächlich in meiner Region gibt. Und dann telefonierte ich mit einer der Gründerinnen des Unternehmens und war sofort überzeugt.

Sie teilte meine Werte, hatte auf jede Frage eine Antwort und liefert exakt das, was ich mir für Charlie wünsche: Regionale Zutaten, ökologisch sinnvoll verpackt, mit schadstoffarmem Lieferfahrzeug geliefert.

Und das auch noch transparent: Jeder Bauernhof wird auf der Homepage und auf Nachfrage genannt. Für Gemüse, Obst, Eier und natürlich auch das Fleisch. Alttiere vom Bergischen Schäfer, Ziegen aus der Wahner Heide, Rinder vom Biohof im Bergischen Land und Hühner sowie Eier vom Bioland-Betrieb.

Charlies Futter-Ökobilanz hat sich hier um ein Vielfaches verbessert und die Ergebnisse der Studie treffen auf ihn definitiv nicht mehr zu.

 

Wie schaut es mit dem Kot aus?

 „Da es zum Hundekot keine Stoffdaten gab, mussten wir entsprechende Analysen in Auftrag geben, um die ausgeschiedenen Mengen an Phosphor, Stickstoff und Schwermetallen zu ermitteln. Phosphor und Stickstoff haben erheblichen Einfluss auf die Eutrophierung, also die unerwünschte Nährstoffzunahme in den Gewässern, die Schwermetalle auf die Vergiftung des Bodens“, so Finkbeiner. Vor dem Hintergrund dieser Zahlen konstatieren Kim Maya Yavor, Annekatrin Lehmann und Matthias Finkbeiner in ihrer Studie „Environmental Impacts of a Pet Dog: An LCA Case Study“, dass die Sammlung und geregelte Entsorgung des Hundekots ein wichtiger Beitrag wären, die Natur zu schonen. „Die zusätzliche Umweltbelastung, die durch die Herstellung des Plastiksäckchens für den Kot entsteht, ist deutlich geringer als der Schaden, der entsteht, wenn der Kot direkt in die Umwelt eingetragen wird. Auch das sagen unsere Zahlen aus.“

(Quelle: TU Berlin, Ökobilanz eines Hundes)

Also: Einsammeln und Entsorgen ist besser, als den Kot liegen zu lassen. Und wer es noch besser machen möchte, achtet darauf, welche Kotbeutel er verwendet. Wir haben uns für Beutel aus recyceltem Kunststoff entschieden, weil hier keine neuen Rohstoffe benötigt werden und auch die Energiebilanz in der Herstellung geringer ist, als bei anderen Beuteln.

Außerdem kommt hinzu, dass die Beutel, die biologisch abbaubar sind, niemals abgebaut werden (können), denn Sie dürfen nicht in den Biomüll. Weder der Kot, noch der Beutel. Also landen Beutel und Inhalt im Restmüll und werden nicht abgebaut.

Sammeln von Kot ist folglich nicht nur ein Dienst an der Allgemeinheit, sondern auch an der Umwelt.

Viele kleine Schritte

Und so machen wir in unserem Haushalt viele kleine Schritte, die die Ökobilanz beeinflussen. Wir verzichten auf Plastik und Mikroplastik, wo immer es geht. Vom Abfallbeutel über Handseife bis zur Wimperntusche, vom Futternapf bis zum Kotbeutel – wir haben jedes Produkt in unserem Haushalt überdacht und geprüft.

Charlies Halsbänder sind aus Leder-Abfällen, sein Kissen aus recyceltem Polyester-Material und alle Lebensmittel unseres Haushaltes sind mindestens Bio.

Essen Charlie und wir Nudeln, sind sie von Rettergut aus den „Abfällen“ großer Nudelfabriken hergestellt. Essen wir Fleisch, Obst und Gemüse, kommt es aus unserem direkten Umkreis (max. 60 km entfernt) und wir wissen, von welchem Hof.

Natürlich ist das nicht perfekt und es gibt eine Menge Potential, noch nachhaltiger und verantwortungsvoller zu leben. Doch wenn wir uns mal vorstellen, jeder Hundehalter würde seine und die Ernährung seines Hundes umstellen und jeden Haufen einsammeln, dann wäre ein großer Schritt getan. Weniger schädliche Einflüsse auf das Klima, weniger Massentierhaltung unter Einsatz von Antibiotika und weniger CO2-Ausstoß.

Und selbst wenn es nur die Hälfte aller Mahlzeiten wäre, die wir umstellen würden, der Effekt wäre spürbar.

Jeder kann sich jeden Tag dazu entscheiden, seinen Beitrag zu leisten.

Menschen sind Klimakiller.

Haustiere sind Klimakiller.

Das stimmt aber nur so lange, wie wir es zulassen.

Warum auf die Politik warten, wenn jede unserer Konsumentscheidungen einen direkten Effekt hat.

Und so stößt Charlies Lebensstil nicht die durchschnittlichen 8,2 Tonnen CO2 aus, sondern deutlich weniger. Ich entscheide, ob er ein Klimakiller ist oder eben nicht.

Dieser Beitrag in Kooperation mit der AGILA entstanden.

Wir danken für die Zusammenarbeit und den ausgesprochen angenehmen Kontakt.

 

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